Worte sind magisch – oder nicht?

Dies ist mein Beitrag zu einer Blogparade, zu welcher Sandra Wickert vom Blog „Text and the City“ aufgerufen hat.
Sandra hat eine Reihe von Fragen gestellt, von denen ich einige hier beantworte.

  1. Welches Buch liest du immer wieder?
  2. Ein Gedicht, dass du liebst?
  3. Wer ist dein Vorbild im Schreiben?
  4. Der beste Anfangssatz von einem Roman den ich gelesen habe
  5. Welches Buch hat dich als Kind beeindruckt und warum?
  6. Welchen Blogs folgst du, weil du den Schreibstil so toll findest?
  7. Auf welchen Artikel von dir bist du besonders stolz?
  8. Welchen Bandnamen/Buchtitel/Filmtitel findest du großartig und warum?

Frage 1: Welches Buch liest du immer wieder?

Valencia, Spanien, September 1988. Mein erstes Berufspraktikum bei einem Transportunternehmen, dicht am Hafen. Auf der Suche nach interessanten Kontakten gehe ich unter anderem zum Goethe-Institut. Dort unterhalte ich mich eine Weile mit einem Spanier, der akzentfrei Deutsch spricht. Er schenkt mir ein Buch: Die Iden des März, von Thornton Wilder.

Dieses Buch ist eine Sammlung von Briefen aus den 10 Jahren der römischen Restrepublik bis zur Ermordung von Julius Caesar. Brutus schreibt an Caesar, Caesar schreibt an Clodia Pulcher, Cleopatra schreibt an Caesar, Cicero schreibt an Freunde.

In der Zeit vor Email besteht mein Kontakt zu Freunden aus wenigen, teuren Telefonaten und eben Briefen, geschrieben vor allem auf der elektrischen Schreibmaschine im Büro. Der Brief wird für mich zu einer wichtigen Kunstform. Ich liebe das Lesen und Schreiben von Briefen.

Jener Briefroman beeinflusst meinen Stil nachhaltig. Es fasziniert mich, wie Autor Wilder es schafft, durch die Briefe den Charakter der VerfasserInnen fassbar zu machen. Dabei ist Caesar natürlich der Meister der Formulierung, lebendiger als Cicero, der wiederum sarkastischer ist. Cleopatra manipuliert mitunter so wie eine Dreizehnjährige.

Ich habe das Buch mindestens dreißig Mal gelesen. Es ist völlig zerfleddert.

Frage 2: Ein Gedicht, dass du liebst?

Nicht wirklich.

Eine der wenigen Gedichte, die ich ertragen kann, sind von Rainer Maria Rilke oder Jack Kerouac. Die meisten Gedichte, die ich sonst so sehe, grenzen für mich an Körperverletzung.

Ansonsten finde ich einige Songtexte von Mick Jagger beachtlich, manche von Joni Mitchell und ein paar von Bob Dylan.

Frage 3: Wer ist dein Vorbild im Schreiben?

Ein allein stehendes Vorbild habe ich da nicht.

Was Bloggen angeht, so stammt ein Großteil meines Ansatzes von Jon Morrow von smartblogger und von seinem Lancelot, Glen Long, der die eine oder andere sarkastische Bemerkung über meine eingereichten Artikel gemacht hat, woraus ich vermutlich mehr gelernt habe als aus allem anderen.

Für Briefe bleibt es bei Thornton Wilder.

Wenn es um das kommerzielle Strukturieren eines Textes geht, finde ich Neil Strauss eine gute Orientierung.

Wenn es um Songtexte geht, die, wie Frank Sinatra es ausdrückte, „optimal in den Mund passen“, ist Sammy Cahn der Mann meiner Wahl.
Last not least, a Goddess of Rock, Stevie Nicks.

Frage 4: Der beste Anfangssatz von einem Roman, den ich gelesen habe

Einen besonders beeindruckenden Anfangssatz erinnere ich nicht.

Ein Buch, das mich aber völlig gebannt hat, war „City of Joy“ von Dominique LaPierre. Die Handlung findet statt in Anand Nagar, „Stadt der Freude“ in den Slums von Kalkutta. Beim Lesen war ich dabei. Der Dreck, der Gestank, die Lebendigkeit, die Farbenpracht, die innere Stärke der Menschen dort, es war alles da.

Frage 5: Welches Buch hat dich als Kind beeindruckt und warum?

Was mir lange in Erinnerung geblieben ist, war eine Version der Legende von Robin Hood. Am Anfang des Buches zwingen die Häscher des Königs Robin, einen Hirsch zu schießen. Danach wollen sie ihn dafür aufhängen.

Das war ein Motiv, das mir in meiner Kindheit sehr präsent war: Ich werde erst gezwungen, etwas zu tun, und anschließend für genau das bestraft. Das war aus meiner Sicht dann viel später auch das Leitmotiv in „A Clockwork Orange“.

Die Asterix-Comics haben mit ihrer Intelligenz und ihrem Witz ebenso beeindruckt wie Lucky Luke – sie hatten beide den gleichen Texter.

Frage 6: Welchen Blogs folgst du, weil du den Schreibstil so toll findest?

Prinzipiell folge ich keinem Blog wegen des Schreibstils.

Ein Blog, der sehr hohe Ansprüche an seine AutorInnen stellt, ist smartblogger. Ich habe dort selbst 3 Artikel eingereicht, aber sehr halbherzig. Meine Artikel waren nicht wirklich ausgearbeitet, und naturgemäß wurden sie abgelehnt. Beim smartblogger schaue ich ab und zu rein, um Anregungen zu Stil und Struktur von Artikeln zu bekommen.

Strukturell excellent und sehr gut zu lesen finde ich auch selbstaendig-im-netz von Peer Wandiger.

Stil ohne Inhalt hat keinerlei Anziehungskraft auf mich.

Frage 7: Auf welchen Artikel von dir bist du besonders stolz?

Sehr gelungen auf meinem rechnungswesenlehrer-Blog finde ich meinen Artikel über das dreckige Geheimnis einer Karriere.

Auf meinem Controller-Blog mag ich meine ehrliche Auseinandersetzung mit meiner eigenen wirtschaftlichen Pleite. Meiner Leserschaft dagegen gefallen mehr der Artikel zu Kennzahlen und die Excel-Aufgabe.

Frage 8: Welchen Bandnamen/Buchtitel/Filmtitel findest du großartig und warum?

Der Bandname, der mich immer wieder grinsen lässt, ist „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Er funktioniert auf mehreren Ebenen und ist auf seine Weise so typisch österreichisch.

Natürlich gefällt mir der Bandname „NAKED“, weil ich ihn mir für eine eigenes Studio-Projekt ausgedacht habe.
Der Buchtitel, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist: „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ von Walter Moers. Das ist irgendwie süß, lustig und geheimnisvoll.

Gut gelungen fand ich auch die Episoden-Titel der Serie „Californication“. Teilweise Titel von Songs von Warren Zevon, teilweise einfach clever und lustig.

Fazit: Sind Worte magisch? Ich sage nein.

Ich finde Worte nicht magisch. Gute Formulierungen, ein guter Rhythmus, eine gute Mischung von Wörtern, das kann lehrreich sein, instruktiv, inspirierend, romantisch. Aber magisch? Nein.

An vielen Stellen, sowohl im Lehrbetrieb als auch im Controlling und dort besonders im Vertriebscontrolling, sehe ich immer wieder den Versuch, flache Inhalte mit vermeintlich „schlauen“ Worten aufzublasen.

Mir gefällt es, wenn jemand mit wenigen Worten viel aussagen kann. Einer der Meister dieses Kunststücks war aus meiner Sicht Winston Churchill.

Immer wieder laufen mir Methoden über den Weg, angeblich aus dem NLP, bei denen versucht wird, durch das Nachsprechen von Worten bestimmte Wirkungen zu erzielen.

Es braucht nur die richtige Wortkombination, und der Kunde kauft willenlos und hilflos überteuerten Müll, den er vorher nie gewollt hätte.

Die richtige Abfolge nachgesprochener Worte, und das heiße Model wirft sich notgeil sich windend auf das Laken (Sofa) des hornbebrillten glatzköpfigen Fettsacks und bettelt um brutalen Sex mit ihm.

Ähm – nö.

Das ist alles Tüdelüt. Worte funktionieren in einem Kontext, sie funktionieren mit einer emotionalen Stimmung, die bereits vorher da ist oder nicht, sie setzen auf einer Basis auf, die es bereits gibt.

Für alle, die es weiter versuchen wollen: More power to you.

 

Titelbild: Portrait of Alexander Benua, Public Domain

 

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Comments

  1. Spannende Antworten, freut mich, dass mich Deine Worte über die Blog Parade erreicht haben.
    Viele Grüße, Sovely

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