Was die Fantasien Anderer für mich getan haben

Dies ist mein Beitrag zu einer Blogparade, zu welcher Anne Striegel von nerderlei aufgerufen hat. Thema: „Welche fiktionalen Werke haben Dich und Dein Leben am meisten geprägt und warum?“

Die Blogparade wird gesponsort von Elbenwald.

In diesem Artikel benenne ich, welche Werke in Buch und Film einen besonders starken Einfluss auf mich hatten und in welcher Weise.

Dies sind im Einzelnen:

  1. Aldous Huxley – Brave New World
  2. George Owell – 1984
  3. Yves Robert – Krieg der Knöpfe (Louis Pergaud)
  4. Anthony Burgess und Stanley Kubrick – A Clockwork Orange
  5. George Lucas und Irvin Kershner – The Empire Strikes Back
  6. Monty Python – Life of Brian
  7. Anthony Burgess – 1985
  8. Robert Heinlein – Stranger in a Strange Land
  9. Ernst Callenbach – Ökotopia

Aldous Huxley – Brave New World

Huxley schrieb einen Science Fiction Roman über eine Gesellschaft, in der Menschen für ihre Rollen genetisch gezüchtet und mental konditioniert werden.

Als ich im Alter von 13 das Buch las, fand ich dieses Konzept großartig.

Abwesenheit von Sehnsucht nach etwas anderem, die Fähigkeit, Zufriedenheit in der eigenen Rolle zu finden, kein lästiges Warten auf Wunscherfüllung? Das erschien mir als das Paradies.

Wenn es möglich wäre, Menschen fehlerfrei so zu konditionieren, dass sie mit dem zufrieden sind, was sie haben, das wäre doch phantastisch! Den „Wilden“, der diese Ordnung aufheben wollte, der Schmerz und Sehnsucht wollte, den hielt ich für infantil und dumm. Er liebte und zitierte Shakespeare. Shakespeare gehörte für mich zu einem dumpfen Vergangenheit voller Idioten, die Probleme mit Gewalt lösen wollten, was halt nicht funktioniert.

Fuck Shakespeare! Die Schöne Neue Welt wurde so organisiert, dass Konflikte gar nicht erst entstehen, die Dumpfbacken dann so lösen wollen, dass sie sich gegenseitig abmetzeln, und drumherum stehende Zivilisten gleich mit.

Heute erscheint mir dieses Verständnis als sehr naiv. Mein Menschenbild war sehr mechanisch. Ich dachte, eine ausreichend frühe Konditionierung, am besten gleich bei Babies, mit genügend Schmerz und Belohnung, würde garantieren, dass die Menschen sich nahtlos und korrekt in ihre Rollen fügen.

Heute glaube ich eher, dass wir Schmerz und Konflikt brauchen. Ich kenne inzwischen genügend Menschen, die Konflikte auch konstruktiv lösen können, ohne Gemetzel. Ich erkenne, dass es notwendig ist, dass wir versuchen, über uns selbst hinaus zu wachsen, auch wenn das sehr oft nicht klappt wie gewünscht.

Jahrelang dachte ich, warum wurde das nie verfilmt? Das ist doch ein großartiger Filmstoff.
So um 2002 herum fand ich eine Verfilmung für das amerikanische Fernsehen, die insbesondere betont, dass Konditionierung nicht so linear und passgenau funktioniert, wie die Genetik-Ingeniereure sich das wünschen. Es ist eine kleine Produktion von 1998 u.a. mit Peter Gallagher und Leonard Nimoy.

Erst 2017 fand ich eine frühere Verfilmung von 1980, ausgerechnet mit Keir Dullea (Dave Bowman aus Stanley Kubricks 2001) in der Hauptrolle als Thomas Graham Bell, die in Deutschland nie sehr bekannt wurde. Die verschiedenen „Kasten“ der Gesellschaft werden sehr klar dargestellt.

Inzwischen ist meine Lektion aus Brave New World, dass es einen naiven Level von Verständnis gibt, auf dem manche Leute glauben, exakte Konditionierung sei möglich und die Gesellschaft ließe sich auf diese Weise verbessern.

Menschsein ist aber komplexer als das. Chaos ist unverzichtbarer Teil der Ordnung und erhält diese erst aufrecht.

George Owell – 1984

Die furchteinflößende Dystopie von Eric Blair war, nach der Nazi-Katastrophe, naturgemäß Pflichtlektüre für uns Teenager an den Hamburger Schulen.

Ich meine an dieser Stelle echte Nazis, also rassistische Massenmörder. Was ich ausdrücklich nicht meine, sind Leute, die wissenschaftliche Fakten vorziehen gegenüber emotional geplärrten Schlagworten und Soundbytes, die derzeit (Stand: März 2019) oft als „Nazis“ bezeichnet werden. Oder Leute, die vor 15 Jahren mal ein Wort benutzt haben, das jemandem nicht gefallen hat. Diese Hyperinflation des Nazi-Begriffes finde ich irritierend.

Diese Geschichte machte mir richtig Angst, und ich befürchtete ganz konkret, dass es so werden könnte. Besonders nach Besuchen bei Verwandten in der DDR, ein Staat, der mir kafkaesk absurd und dumm brutal erschien.

Um mich herum mehrere (körperlich, aber nicht geistig) „Erwachsene“ die andere „überzeugten“ durch Gewaltanwendung und Gewaltandrohung anstatt von Argumentation, die auf Hinterfragung mit Schreien und Schlagen reagierten. Dieser Aspekt von 1984 war für mich sehr real.

Inzwischen kenne ich genügend Menschen, die außer Schreien und Schlagen auch noch andere Dinge können.

Mit der zunehmenden Datenerfassung über alle Menschen ist einerseits der Aspekt der totalen Überwachung wahr geworden. Google ist der Televisor. Andererseits finde ich dass die Einschränkung der persönlichen Denk- und Meinungsfreiheit bei Weitem nicht so dramatisch ausgeführt wird wie prophezeiht.

Der Aspekt, den ich öfter beobachte und über den ich öfter mal Witze mache, ist das Vorführen von Projektionsfiguren in der Art der Romanfigur von Emanuel Goldstein, auf die sich die Empörung vieler richtet. Die Hass-Woche hat wechselnde Themen. Mal sind es Migranten, dann „Sozialbetrüger“, Angela Merkel, der Diesel usw.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen wie Björn Lomborg, die sich mit Fakten befassen statt mit emotionalem Herumgeplärre, die mit ihren Teams brauchbare Vorschläge für eine bessere Welt erarbeiten, die dann von Regierungen gehört und auch umgesetzt werden, was dann zu konkret messbaren Verbesserungen führt.

Wenn es denn eine Unterdrückung gibt, ist sie also nicht komplett-systemisch und auch nicht unfehlbar.


Yves Robert – Krieg der Knöpfe (Verfilmung des Romans von Louis Pergaud)

Dieser Klassiker wurde uns in der Schule glaube ich zweimal vorgeführt.

Jungs aus zwei französischen Dörfern bekriegen sich, nur weil sie aus verschiedenen Dörfern stammen. Sonst steckt nichts dahinter. Keine wirtschaftlichen Interessen, keine Unterschiede im Weltbild, keine romantischen Konflikte, nix. Nur die Herkunft aus verschiedenen Dörfern.

Das erschien mit unfassbar blöd.

Die Eltern hatten auch keine Antwort außer ihre Kinder zu bestrafen, wenn sie mit unordentlicher Kleidung nach hause kamen. Und so setzte sich die Gewalt immer weiter fort.

Ich dachte, genau so läuft das. Alles nur dumm und brutal.

Als dann zwei von den Jungs verschwinden, gehen die Väter los, um sie zu suchen. Als sich die Väter aus den beiden Dörfern begegnen, beleidigen sie sich erstmal gegenseitig, um sich dann gemeinsam zu besaufen und die Jungs zu vergessen. Auch das erschien mir sehr realistisch.

Die beiden Jungs tauchen irgendwann wieder auf und werden in ein Heim gesteckt. Jetzt sind sie gemeinsam auf dem selben Territorium und werden Freunde. Wahrscheinlich werden sie sich in den Folgejahren miteinander fortbilden, wie man Autos klaut und in Wohnungen einbricht.

Meine Interpretation: So lange sich keiner kümmert, kümmert sich keiner.


Anthony Burgess und Stanley Kubrick – A Clockwork Orange

Ich habe wohl kein Buch öfter gelesen, auf Deutsch und auf Englisch, als „A Clockwork Orange“. Ich habe auch keinen Film öfter gesehen als die meisterhafte Interpretation von Stanley Kubrick, wobei hier die englische Version sehr lange kaum zu kriegen war.

Teil der Motivation war vielleicht, dass ich den selben Vornamen habe wie der Protagonist.

Der Aspekt, den ich damals hauptsächlich herauslas, war: Konditioniere und zwinge Menschen, bestimmte Dinge zu tun. Dann bestrafe sie dafür, dass sie genau das getan haben. Passte zu meinem Umfeld.

Leider stieß ich darauf durch jemanden aus meiner Schule, der den Skinheads nahe stand, für die dieses Buch damals Kult war – ich fürchte aber, weniger wegen seiner philosophischen Tiefe als mehr wegen der expliziten Gewaltszenen.

Während Burgess in seinem Buch die Idee kritisiert, „freien Willen“ durch Konditionierung zu ersetzen, stellt Kubrick eher die Frage, ob eine solche Konditionierung überhaupt funktionieren würde, eben weil Menschen keine simplen, linearen Apparate sind. Kubrick beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein und zeigt, wie mit der Theorie der Rekonditionierung politisches Theater gespielt wird. Der brillante Liverpooler Filmanalyst Rob Ager hat dies in seiner Episode „The Ludovico Lie“ klar herausgearbeitet.

Gelernt habe ich aus dem Buch nichts. Ich hatte aber eine starke emotionale Resonanz dazu. Die Kombination aus Zwang, Gewalt, dummen „Führungs“-Personen und origineller Sprache, das war zu der Zeit meine Welt.


George Lucas und Irvin Kershner – The Empire Strikes Back

An diesem Film kommt niemand aus meiner Altersgruppe vorbei.

Generell finde ich die STAR WARS Filme alle etwas dumm. Die Physik funktioniert nicht, das Gut-Böse-Konzept ist hochgradig naiv. Die Filme sind miteinander nicht konsistent. Aber während die Prequels einfach nur schreckliches Konserven-CGI-Kompott sind, haben die alten drei Produktionen zumindest Atmosphäre.

Die Szenen mit Meister Yoda sind ebenso ikonisch wie die Begegnung von Luke und Vader, die sich dann in RETURN OF THE JEDI zu einer der besten Sequenzen der Filmgeschichte entwickelt.

Die Beziehung zwischen Han Solo und Prinzessin Leia ist ganz witzig und etwas romantisch, aber auch etwas zu antiseptisch-klinisch und naiv, wie ich mir Mann-Frau-Beziehungen vorgestellt habe, als ich sechs Jahre alt war.

Das Schrecklichste am ganzen Film ist für mich ein Satz von Yoda, der von vielen zitiert und für wahr gehalten wird: „Es gibt kein Versuchen!“ Natürlich gibt es Versuchen. Selbstverständlich scheitern sehr viele Versuche, etwas zu erreichen. Im Kontext der Szene impliziert der Satz nach meiner Interpretation, dass Scheitern ein Zeichen persönlicher Unzulänglichkeit ist. Häufiges und schmerzhaftes Scheitern ist aber ganz normal und integraler Bestandteil des Erfolges.

Für mich steht dieser Film für halbgare Konzepte, die untermalt mit großartiger Musik und dynamischer Optik als profunde Wahrheit verkauft werden. Ich habe mich damals einlullen lassen und habe gekauft.

Monty Python – Life of Brian

In meiner Altersgruppe in Hamburg ist dies der am häufigsten zitierte Film von allen. Im legendären Hamburger Magazin-Kino lief die deutsche Version 2 oder 3 Jahre lang immer wieder mindestens einmal pro Woche.

Jeder weiß, was ROMANES EUNT DOMUS bedeutet, und jeder kennt den Satz „Nein, ich habe Sie veralbert, es ist doch Kreuzigung!“

Als die Studios für Film-Synchronisationen noch Zeit und Budget hatten, waren ein paar auch ganz gut. Für die Filme von Monty Python wurde die erste Garde der Synchronsprecher einbestellt, die merklich Spaß an der Sache haben, so dass dieser Film zu den wenigen gehört, wo ich die deutsche Version sogar besser gelungen finde als das englische Original.

Alles, was man über Politik und Religion wissen muss, ist in diesem Film.

Politik ist größtenteils Amateurtheater, „politische Debatte“ ist zu großen Teilen neurotische Ego-Profilierung, bei der es nicht um die Sache geht, sondern nur um Aufmerksamkeit und Macht. Die judäische Volksfront bekämpft leidenschaftlich die Volksfront von Judäa, und dabei wird der Widerstand gegen die „unterdrückenden“ Römer zur Nebensache. Die Römer sind zwar eine Bande brutaler Arschlöcher, sorgen aber immerhin für mehr konkrete Verbesserungen als die durchgeknallten profilierungssüchtigen Aktivisten.

Religion ist zum großen Teil ein Ausdruck der Neurosenstruktur ihrer Verkünder, wie man auf der Mauer der Prediger erleben kann.

„Das Volk“ ist zu großen Teilen oberflächlich und blöd und versessen darauf, dem banalsten Symbol eine Bedeutung zu geben, um einem „Führer“ die Verantwortung für alles zu geben.

Check, check, check, check Alles passt.

Einer der wichtigsten Filme der Geschichte.

Anthony Burgess – 1985

Nach Clockwork Orange war ich neugierig auf das weitere Werk dieses exzentrischen Autors.

„1985“ ist eine satirische Antwort auf „1984“ von Blair/Orwell. Die erste Hälfte des Buches ist ein fiktives Interview über politische Theorien und deren Umsetzung in den vorangegangenen hundert Jahren. Der zweite Teil beinhaltet die eigentliche Geschichte.

Bildung ist verpönt. Es gilt als schick, sich flapsig auszudrücken. Teenager-Banden treffen sich in geheimen Kellern, um Latein und Altgriechisch zu lernen. Gewalt ist allgegenwärtig und es kümmert keinen. Arabische Scheichs haben mit Ölmilliarden große Teile des Britischen Empire einfach aufgekauft und sind die heimlichen Herrscher. Alles verrottet und verkommt, niemand kümmert sich um irgendetwas, die Verblödung der Bevölkerung ist gewollt.

Wer eine abweichende Meinung hat, kommt in Umerziehungslager, wo ihm zunächst sehr freundlich und nachsichtig alles erklärt wird. Der Ton ist charmant, aber unmissverständlich. Wer der Gesellschafts-Doktrin nicht zustimmt, bleibt im Lager, das von tödlichen Fluchtsicherungen eingezäunt ist.

Am Ende begeht der Protagonist Selbstmord.

All das passte zu meinem damaligen subjektiven Erleben der Welt.

Robert Heinlein – Stranger in a Strange Land

Das Buch wurde mir empfohlen vom Workshop-Veranstalter Claus Kostka, der mir damals lange und intensiv weiter geholfen hat.

Zu der Zeit kam gerade eine neue Version auf den Buchmarkt, die einige gestrichene Sexszenen wieder aufnahm. Klar, Horror und Folter sind kein Problem, aber Sex zwischen beidseitig einverstandenen Erwachsenen, das ist schrecklich.

Ein Mensch wächst auf dem Mars auf und wird von den Marsianern, die gänzlich anders konstruiert sind als Menschen, in besonderen geistigen Fähigkeiten ausgebildet.

Das Intelligenteste und das am konkretesten verwendbare Konzept des Romans war für mich das Konzept des „Unparteiischen Zeugen“, der eben keine Partei ergreift, sondern nur seine Wahrnehmungen beschreibt, und vor allem eine klare Trennung vornimmt zwischen Wahrnehmung und der Interpretation der Wahrnehmung.

Insgesamt ist das Buch durchdrungen von Ideen höchster Vernunft. So ziemlich jede Idee macht Sinn.

Ernst Callenbach – Ökotopia

Dieses Buch gehört für mich zu den wichtigsten überhaupt. Ich habe bereits an anderer Stelle ausführlich erläutert, warum.

 

Bild: openclipart, GDJ

 

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Comments

  1. Ja, da wird so manche Erinnerung geweckt – andere Werke sind mir nicht bekannt. Ich werde einen Blick wagen.

    Viele Grüße
    Der Büchernarr Frank

  2. Monty Python <3

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