Leben ohne Geld: Noch ein gelungener Ausstieg? Moneyless Mark Boyle

Ohne Geld
Ohne Geld

Mark Boyle hat mehrere Jahre ohne eigenes Geld gelebt. Er hat dazu eine ganze Philosophie entwickelt und sein „Moneyless Manifesto“ verfasst.

Mark Boyle wurde 1979 in Irland geboren. Anfangs erging es ihm ähnlich wie mir: Er war Betriebswirt und bemerkte, dass er bei diesem Studium nicht viel Relevantes gelernt hatte.

Die Welt des „großen Geldes“ erschien ihm unattraktiv, und er beschloss, etwas anderes zu versuchen: Ohne Geld leben.
So besorgte er sich einen Wohnwagen, den er von einer älteren Dame geschenkt bekam. Er behielt seinen Laptop, besorgte sich die Elektrizität dafür aber über ein Solarpaneel.

Wie bereits im Artikel „Leben ganz ohne Geld“ erklärt, GANZ ohne Geld geht es noch nicht (Stand: April 2017). Sowohl für den Wohnwagen als auch für den Laptop und das Solarpaneel hat irgendjemand mal Geld bezahlt, und die Arbeiter, die diese Dinge hergestellt haben, wurden vermutlich auch mit Geld bezahlt.

Das Moneyless Manifesto

Konsequenterweise ist es möglich, das Buch von Mark Boyle online gratis zu lesen. Eine Hardcopy kostet Geld, da es Papier ebenso wie Druck- und Binderleistungen derzeit (Stand: April 2017) nicht gratis gibt.

Aber auch für das Lesen online braucht man Geräte und elektrischen Strom, die Geld kosten.

Ich habe mir Teile seines Buches durchgelesen, zwei zentrale Aussagen ausgewählt und dazu Stellung bezogen:

  1. Geld erzeugt Verschwendung, weil wir zu stark vom Produktionsprozess getrennt sind
  2. Aufspeichern von Wert erzeugt extreme Ungleichheit

These 1: Geld erzeugt Verschwendung, weil wir zu weit weg sind vom Produktionsprozess

Eine Argumentation von Mark Boyle ist: Weil wir die Dinge unseres täglichen Gebrauches nicht selbst herstellen, haben wir keinen Bezug mehr dazu. Wir erkennen nicht, welche Arbeit in das Produkt fließt, entwickeln keine Beziehung dazu und sind deshalb eher bereit, die Dinge wegzuwerfen.

Wenn wir unser eigenes Essen anbauen würden, dann würden wir weniger davon wegwerfen. Wenn wir unsere eigenen Möbel bauen würden, dann würden wir sie nicht auswechseln, nur weil sich die Mode ändert. Ähnlich mit Kleidung.

Das Argument hat für mich zwei Teile: Mangelnden Bezug zu den Dingen und Verschwendung. Ich gehe auf beide ein.

Es ist wahr, dass wir wenig Bezug zu vielen Dingen haben, die wir benutzen. Ich habe keinerlei Bezug zu dem Tisch, an dem ich gerade sitze, ein Kundentisch, den ich außerhalb der Unterrichtszeiten benutzen darf. Zu meinem Schreibtisch daheim habe ich in den 30 Jahren, die ich ihn benutze, eine Beziehung entwickelt.

Zu dem PC, mit dem ich jetzt schreibe, habe ich auch wenig Bezug, jedenfalls weniger als zu meinem Notebook daheim.

Zu meinen Musikinstrumenten habe ich naturgemäß eine stärkere Beziehung als zu unserem Besteck.

Vieles, was wir benutzen, wird an Orten weit weg von uns hergestellt, von Menschen, die wir niemals treffen werden.

Ganz sicher hätten wir mehr Beziehung zu den Dingen, wenn wir sie selbst machen würden.

Aber liegt es nur daran, dass ich eher bereit bin, etwas wegzuwerfen?

Versuche mal, Großeltern aus der Kriegsgeneration dazu zu bewegen, irgendetwas wegzuwerfen, und sei es nur ein Pullover, der zerrissen UND von Motten zerfressen ist.

Oder ein Plastikbecher mit Löchern drin.

Oder eine einzige Fahrradspeiche, die in kein existierendes Fahrrad mehr passt und die völlig von Rost zerfressen ist.

Jeder noch so unbrauchbare Gegenstand wird festgekrallt, als hinge ihr Leben daran.

Diese Gegenstände wurden mit Geld bezahlt. Als diese Großeltern in den 1940er Jahren aufwuchsen, gab es Geld bereits seit Jahrtausenden.

Also kann ich schon mal mit Sicherheit sagen, die Bereitschaft etwas wegzuwerfen bestimmt sich nicht in jedem Fall ausschließlich danach, ob dieser Gegenstand mit Geld bezahlt wurde oder nicht.

Wegwerfen ist eher ein Merkmal der Überflussgesellschaft.

Und, WILL ich überhaupt alles selber machen? Nicht auszudenken, wie es klingen würde, wenn ich meine eigene Gitarre

Brian May mit Red Special
Brian May mit seiner berühmten Red Special, die er mit seinem Vater gemeinsam selbst gebaut hat

baue. Brian May kann das. Ich nicht.

Kann ich selbst einen Pflug bauen? Einen Traktor? Ein Passagierflugzeug?

These 2: Das Aufspeichern von Wert erzeugt extreme Ungleichheit

Mark Boyle schreibt, dadurch, dass man Geld sparen kann und damit Werte aufbewahren kann, wird soziale Ungleichheit erst möglich. Nur durch das Sparen können materielle Reichtümer überhaupt erst angehäuft werden.

Diese Aussage ist für sich betrachtet wahr.

Und, ist das in jedem Fall schlecht?

Durch das Sparen wurden nicht nur die Vermögen der „Superreichen“ aufgebaut, sondern auch die Vermögen unserer modernen Volkswirtschaften.

Das Aufspeichern von Wert hat den modernen Wohlstand erst möglich gemacht. Erst seit die erwirtschafteten Überschüsse aufgespart werden konnten, konnten moderne Gerätschaften eingesetzt werden.

Erst das Aufspeichern von Wert ermöglicht Waschmaschinen und Autos in ihrer modernen Form.

Die Entwicklung von Solarzellen wurde überhaupt erst ermöglicht durch Jahrhunderte des so gerne verteufelten „Kapitalismus“, der nur bedeutet, dass menschliche Arbeitskraft durch Maschinerie ersetzt wird.

Hunderttausende Stunden, Milliarden von Dollar und anderen Währungen flossen in die Entwicklung der Solarpaneele, mit denen jetzt Aussteiger versuchen, „ohne Geld“ zu leben.

Eine ähnlich lange Geschichte mit aufgesparten Werten, Investitionen und Entwicklung hat das Notebook, das Mark Boyle benutzt. Nicht einmal sein Fahrrad wurde gänzlich ohne gespartes Geld hergestellt.

Was die Ungleichheit angeht: Extreme Ungleichheit scheint ein Merkmal von natürlichen Systemen zu sein. Professor Jordan Peterson spricht in einem Vortrag darüber, dass sich in jedem System Ungleichheiten herausbilden, und dass es bisher kein politisches System gegeben hat, das dieses vollständig verhindern konnte. (Diesem Thema will ich irgendwann nochmal nachgehen.)

Schon in der Frühzeit zeigte sich: Ein Gorilla ist stärker als der andere.

Manche Leute treffen schlauere Entscheidungen als andere. Manche sind gut im Sparen und bauen Wohlstand auf.

Manche Menschen verwenden Tricks oder Gewalt oder Androhung von Gewalt, um anderen etwas wegzunehmen. Das war bereits in Zeiten vor der Geldwirtschaft so. Diebstahl und Raubmord sind keine Phänomene des Geldes, sondern Phänomene von Arschlöchern.

Fazit zu Mark Boyle

Mark Boyle sieht gesund und fit aus. Ich glaube, dass er glaubt, was er erzählt.

Ich kann mich mit vielen seiner Aussagen identifizieren, wenn auch nicht mit allen. Ich fühle mich sehr angezogen von seiner Lebensweise.

Verbrauchen wir zuviel, fressen wir zuviel, tun wir zu viel sinnlose Arbeit? „Wir“ meint die Gesellschaften in Nordwesteuropa. Nach meiner Meinung, ja, absolut.

Ist es eine gute Idee, nicht mehr von Irren abhängig zu sein, denen Vergiftung und Zerstörung der Umwelt egal sind? Natürlich.

Vertrauen statt Gier

Einer der Vorschläge von Mark Boyle ist, einfach zu geben, ohne etwas zu erwarten, und darauf zu vertrauen, dass wir erhalten, wenn wir etwas brauchen.

Wer sich traut, möge diese Strategie ausprobieren. Wie ich die Lage der deutschen Rentenkasse einschätze, werden viele von uns ohnehin keine andere Wahl haben.

Auf jeden Fall finden sich ein paar sehr gute Ideen bei Mark Boyle. Ein paar davon scheinen mir noch nicht ganz zu Ende gedacht.

Seine Seite ist voll mit sehr praktischen, konkreten Vorschlägen und Konzepten zur Selbstversorgung.

Ich finde, mit seiner Perspektive, seiner Konsequenz und seinem Engagement hat er stark dazu beigetragen, dass unsere Welt besser werden kann.

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Titelbild: derneuemann

 

Das Foto von Brian May wurde geschossen von Compadre Eduah und über wikimedia commons in die Public Domain überlassen.

 

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