Gemeinsam wirtschaften: Der israelische Kibbuz

Arbeit und Gemeinschaft
Das Vermögen des Kibbuz gehört der Gemeinschaft der Mitglieder.

Eine Form des gemeinsamen Wirtschaftens, über die ich schon lange einmal schreiben wollte, ist der israelische Kibbuz. Heute habe ich endlich genügend Material beisammen, um etwas Brauchbares zu verfassen.

Besonderer Dank geht an Ingrid Leiter und Barry Leiter, die mir auf Facebook den Weg zu guten Quellen gewiesen haben.

Dieser Artikel befasst sich damit, wie ein Kibbuz funktioniert, wie man da mitmachen kann und welche Erfahrungen Mitwirkende gesammelt haben.

Außerdem gibt es ein paar Informationen zur Geschichte der Kibbuzim (Mehrzahl von Kibbuz).

Im Kibbuz arbeitet die Gemeinschaft für die Gemeinschaft – und die Früchte der Arbeit bleiben in genau der Gemeinschaft, die sie erarbeitet hat

Ein Unterschied zum Sozialismus der Sowjetunion oder der VR China ist also, dass die Früchte der Arbeit nicht von einem anonymen Apparat abgegriffen und dann nach Gutsherrenart verteilt (oder selbst eingesteckt) werden. Die Früchte der Arbeit bleiben bei denen, die sie erarbeitet haben und die sich untereinander kennen.

Das Wort „Kibbuz“ ist hebräisch für „Versammlung“ oder Kommune.

Der Kibbuz ist auf fünf Prinzipien aufgebaut:

  1. Gemeinschaftliche Produktion, Konsumtion und Erziehung
  2. Selbstarbeit der Mitglieder
  3. Alle arbeiten für alle mit
  4. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen
  5. Selbst verwaltetes Kollektiv nach demokratischen Ordnungsprinzipien

Prinzip 1: Gemeinschaftliche Produktion, Konsumtion und Erziehung

Das Vermögen des Kibbuz gehört der Gemeinschaft der Mitglieder. Allerdings wird nicht jeder, der mitarbeitet, sofort Mitglied.

Anwärter auf die Mitgliedschaft müssen 1 Jahr warten, bis die Vollversammlung über ihre Aufnahme entscheidet.

Während dieser Zeit haben sie alle Rechte und Pflichten eines Vollmitglieds, mit Ausnahme des aktiven und passiven Wahlrechtes.

Prinzip 2: Selbstarbeit der Mitglieder

Selbsterklärend: Die Mitglieder arbeiten selbst, beauftragen, soweit möglich, keine Dritten und keine Unternehmen von außen.

Prinzip 3: Alle arbeiten für alle mit

Die gewählten Organe der Gemeinschaft bestimmen, wie die Arbeitszeiten und Freizeiten aufzuteilen sind, wie viel Zeit für Weiterbildung die Mitglieder haben und wie die Ausbildung für die Arbeit strukturiert wird.

Haushalt und Kindererziehung werden ebenfalls kollektiv übernommen, so dass alle Frauen voll mitarbeiten können.

Prinzip 4: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen

Wer also nicht so gut arbeiten kann, erhält trotzdem nicht weniger Entlohnung.

Der direkte Zusammenhang zwischen individueller Arbeitsleistung und Einkommen ist aufgehoben.

Hey, dann ist das Unternehmen „Premium Cola“ auch eine Art Kibbuz!

Der Libertäre fragt dann natürlich, wie genau festgestellt wird, welche Möglichkeiten jemand hat, und welche Bedürfnisse er/sie hat, und ob das irgendwie begrenzt wird?

Prinzip 5: Selbst verwaltetes Kollektiv nach demokratischen Ordnungsprinzipien

Die Verwaltung des Kibbuz erfolgt durch Personen, die mit zeitlicher Begrenzung in ein Amt gewählt wurden, für ein bis zwei Jahre.

Die Amtsträger genießen, anders als in der staatlichen Politik, keinerlei Privilegien, eher müssen sie mehr arbeiten als die andern.

Die Mitbestimmung im Kibbuz ist stark ausgeprägt, und so veränderte sich die Struktur der Kibbuzim auch über die Jahrzehnte.

Die Organisation der Kibbuzim im Konkreten

Das Kibbuz-Prinzip „Gleiches Recht für alle, keine Privilegien“ zeigt sich auch in der Organisationsstruktur.

Die Richtlinien des Zusammenlebens werden von der Vollversammlung der Chawerim (Chawer = Mitglied des Kibbuz) bestimmt.

Die Vollversammlung bestätigt den Haushaltsplan, entscheidet über die Aufnahme neuer Mitglieder und hat die Aufsicht über das Tun der gesamten Gemeinschaft.

Die Wahl der Funktionsträger

Die Vollversammlung wählt auch die Ausschüsse und die verschiedenen Funktionsträger.

Sekretär (vergleichbar einem Bürgermeister, in den größeren Kibbuzim), Wirtschaftsleiter, Schatzmeister und Arbeitsminister haben eine Amtszeit von einem Jahr. Sekretäre werden oft mehrmals wiedergewählt.

Prinzipiell ist es so gedacht, dass kein Funktionär länger als maximal drei Jahre im Amt bleiben soll, aber in der Wirklichkeit klappt das nicht immer. Es sind nicht immer genügend Mitglieder vorhanden, welche die erforderlichen Fähigkeiten haben, eine ausreichende fachliche Qualifikation wie einen klugen Umgang mit Menschen.

Die Funktionsträger erhalten keinerlei zusätzliche Entlohnung für die Ausübung ihrer Ämter.

Beitragen und Teilhaben von Beginn an

Wer als neues Mitglied dazukommt, muss kein Kapital einbringen, aber muss eventuelle Einkünfte dem Kibbuz übereignen.

Verlässt er den Kibbuz, so darf er das, was er während seiner Mitarbeit an Privateigentum erworben hat, mitnehmen, und erhält dazu eine Abfindung.

Die Bedürfnisse des täglichen Lebens werden vom Kibbuz erfüllt.

Die Mahlzeiten werden gemeinsam in den Speisesälen eingenommen. Die Köche kümmern sich um die Zubereitung der Speisen, bei den unterstützenden Tätigkeiten wie Servieren, Abwaschen usw. wechseln sich die Chawerim und die Volontäre ab.

Arbeitskleidung gibt es auch vom Kibbuz.

Üblicherweise gibt es eine eigene Wäscherei, in der ebenfalls Mitglieder und Volontäre arbeiten.

Die medizinische Versorgung geschieht über die „Histradut“ (Gewerkschaft). Das schließt auch einen Krankenhausaufenthalt ein, falls notwendig.

Wird ein Mitglied arbeitsunfähig, so sorgt der Kibbuz für ihn und stellt auch Mitglieder für seine Pflege ab. Das Mitglied verliert dabei keinerlei Rechte.

Wohnen im Kibbuz

Wie die Mitglieder wohnen, das richtet sich nach der Wirtschaftskraft des jeweiligen Kibbuz.

Die Chawerim erhalten Punkte nach einem System, welches verschiedene Kriterien berücksichtigt, wie Alter, Dauer der Mitgliedschaft, Gesundheitszustand und Familiensituation.

Mitglieder, die länger dabei sind, wohnen oft in Zwei-Zimmer-Appartments. Für Kinder gibt es ein bis zwei Zimmer dazu.

Zur Geschichte und Entwicklung der Kibbuzim

Der erste Kibbuz wurde bereits 1909 gegründet.

Da die Angehörigen des jüdischen Volkes durch die Gesetzgebung vieler Länder von der Teilnahme an der Landwirtschaft ausgeschlossen waren, wollten sie nun umso mehr diesen Wirtschaftssektor ausbauen. Eine funktionierende Landwirtschaft ist naturgemäß eine wichtige Grundlage für die Autonomie eines Landes.

Die Idee war von Anfang an, das Prinzip der Gleichheit im Kibbuz zu verwirklichen.

So entstanden ca. 270 Kibbuzim mit knapp 130.000 Einwohnern. All diese trugen dazu bei, das Land zu besiedeln.

Sie bereiteten den Weg der politischen Entwicklung vor.

Bis heute spielt der Kibbuz eine wichtige Rolle in der israelischen Gesellschaft. Im Jahre 2014 gab es noch 272 Kibbuzim mit je bis zu 2.000 Einwohnern. Seit 1999 gibt es fast keine Neugründungen mehr.

Zu Gründungszeit des Staates Israel lebten ca. 8% der Bevölkerung in Kibbuzim; im Jahre 2014 waren es nur noch 1,8%.

Der Wandel im Kibbuz

Von der reinen Landwirtschaft entwickelten sich manche Kibbuzim auch zu industriellen Unternehmungen.

Auch die Kindererziehung veränderte sich: Anfangs übernahmen ausgebildete Erzieherinnen das Aufziehen der Kinder und die Mütter kamen nur zum Stillen. Die Kinder schliefen nicht einmal im Hause der Eltern. Im Laufe der Zeit wurde der Kontakt zwischen Kindern und Eltern immer inniger, die Kinder übernachteten im Haus der Eltern.

Diese Veränderungen geschahen in den meisten Kibbuzim.

In der großen Gemeinschaft wachsen die Kinder miteinander auf und befinden sich unter Gleichaltrigen. Sie werden an gemeinsame Arbeit gewöhnt, und es wird ihnen vermittelt, ihren Beitrag zu leisten und Verantwortung zu übernehmen.

Die Bildung der Kinder übernimmt die Kibbuz-Schule, die gewöhnlich von mehreren Kibbuzim gemeinsam betrieben wird.

Mit dem zunehmenden Einfluss der Welt außerhalb von Israel, ändern sich die Perspektiven der Jugend. Auch der Kontakt mit den internationalen Volontären führt dazu, dass die Jugendlichen auch andere Lebensentwürfe kennenlernen wollen.

Im Kibbuz mitarbeiten

Prinzipiell kann jeder mitmachen, der mindestens 18 Jahre alt ist.

Es gab wohl mal eine zentrale Anlaufstelle in Deutschland für das Mitarbeiten im Kibbuz. Zwischenzeitlich gab es eine Vermittlungsstelle in Tel Aviv., zu der alle Links, die ich am 8. März 2017 gefunden habe, aber ins Nichts führten.

Für jetzt scheint mir die beste Anlaufstelle die israelische Botschaft in Berlin zu sein, jedenfalls für Deutsche. Für US-Bürger und Kanadier gibt es das „Kibbutz Program Center“.

Internationale Freiwillige, besonders Deutsche, spielen eine große Rolle in der israelischen Gesellschaft.

Im Kibbuz arbeiten Volontäre um die sechs Stunden am Tag, erhalten Kost und Logis und ein kleines Taschengeld.

Die Mitarbeit findet entweder auf dem Feld oder im Produktionsprozess statt oder auch in der Küche, der Wäscherei, usw.

Gearbeitet wird sechs Tage die Woche, nur der Sabbat ist frei.

Erfahrungen von Kibbuz-Volontären

Die Erfahrungen der freiwilligen Mitarbeiter sind sehr unterschiedlich. Das hat u.a. damit zu tun, dass die Chawerim der jeweiligen Kibbuzim aus sehr verschiedenen Kulturen stammen können. Einige wurden von deutschen Einwanderern aufgebaut, andere von Libanesen, Irakern oder Polen.

Auch hängt die Erfahrung natürlich davon ab, wie groß die Einrichtung ist. Je kleiner der Kibbuz, desto enger das Zusammenleben. Gegessen wird aber immer gemeinsam, und auch der Sabbat wird gemeinsam gefeiert.

Gemeinsame Unternehmungen größerer Gruppen gehören zum Alltag.

Wenig materieller Reichtum, aber ein Füllhorn der Erfahrungen

Tenor vieler, auch unterschiedlicher Berichte ist: Das freiwillige Mitarbeiten im Kibbuz ist wahrhaftig nicht materiell luxuriös. Es wird berichtet von baufälligen überfüllten Schlafsälen, eiskalten Wüstennächten ohne Heizung und Ausflügen auf klapprigen LKW mit Sand in den Augen.

Dafür ist umso mehr Abenteuer dabei. Gemeinsames Pfeiferauchen mit Beduinen, Wanderungen in den Bergen, Begegnungen mit verschiedensten Kulturen und Lebensentwürfen.

Je nach Kultur und Traditionen des jeweiligen Kibbuz, wird eine Vielzahl religiöser Feste gefeiert.

Ausnutzung und zu harte Arbeit?

Einige wenige Volontäre haben berichtet, sie fühlten sich ausgenutzt und wurden zu vielen Stunden harter Arbeit eingeteilt. Wenn sie dies monierten, wurde ihnen gesagt „Dann geht doch, die Nächsten stehen schon auf der Warteliste!“

Andere sagen, im Kibbuz gebe es sogar mehr Freizeit als in ihrem Job daheim, und 6 Stunden Arbeit, wenn auch anstrengend, sind gut zu schaffen.

Fazit zum Kibbuz

Mit diesem Thema hatte ich mich schon sehr lange beschäftigen wollen.

Mich persönlich erinnern die Schilderungen der Kibbuz-Volontäre an Abschnitte aus meiner eigenen Kindheit, wo ich aus meinem materiell reichen Umfeld heraus kam und in sehr „einfachen“ Bedingungen lebte, aber wo ich zur Abwechslung mal fröhlich war.

Ist der Kibbuz ein Argument dafür, dass Sozialismus funktioniert?

Nun, laut wikipedia sammelte jemand bereits im Jahre 1920 nicht weniger als 200 verschiedene Definitionen des Begriffes „Sozialismus“. Was meinen wir also?

Planwirtschaft haben wir schon mal nicht. Die Kibbuzim produzieren für einen realen Markt, der eine reale Nachfrage hat oder eben nicht hat.

Für mich liegt der Unterschied zu sozialistischen Staatsformen vor allem darin, dass die Erträge des Kibbuz unter denen aufgeteilt werden, die sie erwirtschaftet haben, und nicht von einem undurchsichtigen Apparat eingesackt werden, der sie dann angeblich „zum Besten aller“ verteilt, im vermuteten besten Wissen, was denn das Beste für alle ist, ohne echte Mitbestimmung der Arbeitenden.

Und: Wer aus dem Kibbuz raus will, kann gehen. Bei z.B. der DDR war das nicht so einfach.

Was mich persönlich anspricht, ist das Teilen zu gleichen Teilen, die Annahme, dass jeder gleich viel wert ist, unabhängig davon, wie viel er oder sie „leistet“, wie auch immer das definiert ist.

Ich bin nicht sicher, ob eine Gesellschaft ohne Ungleichheit materiell und philosophisch oder spirituell wachsen kann. Vielleicht ja, vielleicht nein.

In den verschiedenen Mischformen des Zusammenarbeitens hat der Kibbuz auf jeden Fall einen guten Platz.

Aus libertärer Sicht lässt sich hier gut argumentieren, dass freiwillige Zusammenarbeit funktioniert.

Titelbild: Gellinger

Quellen: wikipedia, Artikel von Ulrike Georgi, verschiedene weitere Quellen

Bild: Das Foto aus dem Kibbuz in Ginnossar wurde auf wikimedia commons freundlicherweise von Berthold Werner in die Public Domain übergeben

 

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