Ganz anders leben und sterben: In der Fremdenlegion

Was mich am meisten beeindruckt hat während meiner Recherche: Kräftige junge Männer strengen sich richtig an, damit sie in eine unfreundliche Umwelt gelangen, in der sie permanent gedemütigt werden.

Sie geben alles, um in einem Programm akzeptiert zu werden, in dem sie dauernd in den Arsch getreten werden, kaum Schlaf kriegen und eine Chance von 6% haben, auf unangenehme Weise zu sterben. Und das für eine Handvoll Euro.

Ich frage mich nebenbei, was könnte ein modernes Personalbüro daraus lernen? Arbeitnehmer schinden, kaputtmachen, verheizen, und dabei absolut keinen Mangel an ambitionierten Bewerbern zu haben, die bereit sind, für das Unternehmen zu STERBEN ??

Als Antwort darauf kam, als ich mal unter Personalern, eher scherzhalber herumfragte, folgende Antwort von der ziemlich brillanten Recruiterin Susanne Krüger-Lampe:

Es geht bei der Fremdenlegion um den Mythos von Brüderlichkeit, dem echten Neuanfang, Männlichkeit und Unbesiegbarkeit. Personaler können davon lernen, dass Recruiting ein starkes Narrativ braucht – eine gute Legende. Arbeit soll mehr sein als Broterwerb. Sie soll Heimat und Zugehörigkeit spenden.“ (Susanne Krüger-Lampe)

Die Legende von 1831

Vorab: Ich als friedfertiges, fettes teigiges Weichei kann nicht glaubwürdig über „Heldentum“ oder „Tapferkeit“ schreiben. „Heldentum“ ist für mich reine PR, in der jemand als „heldenhaft“ beschrieben wird, weil es ein paar Wirtschaftsinteressen dient.

Ich empfinde höchste Anerkennung für das Training, welches die Fremdenlegionäre, die US Navy Seals oder US Army Rangers absolvieren und für die Fitness, die diese Jungs haben.

Ansonsten halte ich moderne Kriege für ein zynisches Geschäftsmodell, bei dem junge Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu peppiger Musik und Fanfarengedröhne verheizt werden, damit ein paar alte Knacker, die NOCH fetter sind als ich, etwas mehr Knete einsacken.

That said –

Bereits die antiken Römer, und wahrscheinlich viele Imperien vor ihnen, setzten Soldaten aus anderen Staatsgebieten ein. Germanische Söldner galten damals als sehr schlagkräftig, und das römische Reich wurde im Norden von Germanen niedergeknüppelt, die eben keine Söldner waren, sondern sich um ihre eigenen Interessen gekümmert haben, GEGEN die Römer.

Die Tradition der staatsfremden Soldaten wurde fortgesetzt.

Im Jahre 1831 schuf König Louis Philippe die Grundlage der heutigen Fremdenlegion. Diese wurde sodann vor allem in Afrika eingesetzt, allem voran Algerien.

Legenden und Mythen

Besonders in den 1950er Jahren baute sich der Mythos auf, die Fremdenlegion diene Kriminellen als Versteck und als Möglichkeit, eine neue Identität aufzubauen. Die Legion umgab das Flair von Abenteuer.

Nach einigen Quellen war Star-Schauspieler Alain Delon in der Fremdenlegion und ist dort durch besondere Grausamkeit aufgefallen. Diese Quellen habe ich irgendwann in den 1980ern gelesen, weiß nicht mehr genau, wo, und bei meinen Recherchen im April 2017 nicht wiedergefunden. Daher habe ich keine Ahnung, ob diese Geschichten wahr sind. Falls jemand etwas weiß, bitte ich um Info.

Zumindest heute (Stand: April 2017) ist die offizielle Info, dass gesuchte Personen ganz unzeremoniell der französischen Polizei übergeben werden, wenn sie sich bei der Fremdenlegion bewerben.

Was nun „Heldentum“ und „Abenteuer“ angeht, da liest man doch lieber reale Erfahrungsberichte aus der Wirklichkeit.

Ich habe so richtig brutale Gewalt nur als entfernter Zeuge mitbekommen, u.a. im Rahmen einer Urlaubsliebschaft mit einer Dame, die bei einer deutschen Staatsanwaltschaft Tötungsdelikte bearbeitet hat.

Die Auswirkungen brutaler Gewalt sind nicht „cool“ wie in Actionfilmen. Am Töten und am Sterben ist nichts Elegantes.

Schwere Verletzungen sehen nicht cool aus. Den Rest seines Lebens durch einen Schlauch zu kacken, ohne es zu merken, ist nicht cool. Oder doch? Ich habe die Erfahrung nicht gemacht.

Leichen vertrocknen, vergammeln, verfärben sich und stinken. Sie sehen auch nicht cool aus.

Das einzig Mythische am Sterben im Krieg ist die Idee, dass man selbst stirbt, damit der „Stamm“ (in diesem Fall die Fremdenlegion) weiterlebt und damit auf lange Sicht als Gesamtstamm unsterblich wird. Wem das reicht, more power to you.

Versuch macht kluch (oder so)

Aus diesem Grund sind auch die meisten Militärs, die Krieg kennen, die größten Pazifisten.

Kaum eine andere Gruppe hat so viel Interesse, Engagement und Fähigkeit im De-Eskalieren von Konflikten wie erfahrene Soldaten.

In der Fremdenlegion wird auch betont, dass es wichtig ist, den Gegner nicht zu hassen, sondern zu respektieren. Krieg wird als eine Art Wettbewerb gesehen, nicht als Emotionaldrama.

Sport, Strapazen und Stress

Was zu recht legendär bei der Fremdenlegion ist, ebenso wie bei den US Navy Seals, den Green Berets, den Rangers, den Marines, der Delta Force u.ä., ist das extrem harte Training.

Die körperlichen Anstrengungen sind enorm, die Jungs sind super-fit und werden ständig herumgescheucht.

Das erste Jahr besteht wohl hauptsächlich aus einer Serie endloser Demütigungen plus Schlafdefizit.

Im zweiten Jahr soll es dann etwas besser werden.

Statistiken und Sterblichkeit

Von 1831 bis 1989 sollen 600.000 Männer in der Fremdenlegion gedient haben, wovon 36.000 im Kriegseinsatz gestorben sind. Das macht mathematisch genau 6%.

Darin sind sicherlich statistische Ausreißer enthalten, welche die Sterberate in die Höhe treiben. Genaue Zahlen sind aus naheliegenden Gründen nicht so einfach zu erhalten.

Die Fremdenlegion wird aber mitten im Kriegsgebiet eingesetzt, vorrangig im Kampfgeschehen, und dort ist die Sterberate wohl höher als in der Schreibstube.

Ein Fremdenlegionär berichtete davon, dass er im Kosovo eingesetzt wurde, um Brunnen zu graben und Brücken zu reparieren und wie gestresst er davon war, da er nunmal dazu ausgebildet war, andere Leute umzubringen.

Am 13. April 2017 war die Stärke der Fremdenlegion auf wikipedia mit 7.699 Mann angegeben.

WTF ??? Was will also jemand in der Fremdenlegion?

Trotz der Anstrengungen und Gefahren hat die Fremdenlegion an Bewerbern keinen Mangel. Und aus dem breiten Zustrom an Bewerbern wird nur jeder Zehnte genommen, in manchen Jahren nur jeder Dreizehnte.

Was ist der Reiz an diesem Regime?

Als Vorteile werden u.a. genannt:

  • Kameradschaft
  • Klar geregelter Tagesablauf
  • Sicherer Arbeitsplatz
  • Geregeltes, respektables Einkommen (Kost und Logis plus 1.280,00 EUR monatlich, Angabe laut Internetseite der Fremdenlegion am 13. April 2017)
  • Hoher Hygienestandard der Unterkünfte
  • Sportprogramm
  • Abwechslung

Manch einer glaubt vielleicht wirklich, dass sich Probleme mit Gewalt lösen lassen. Viel Glück!

Junge Menschen voller Illusionen glauben vielleicht wirklich an „Heldentum“ und andere PR-Manöver ihrer fetten Herrscher. Auch diesen viel Glück!

Für mich das Einzige, was am Militär wirklich attraktiv ist, ist die erzwungene Disziplin. Ich bin selbst relativ diszipliniert, aber immer noch nicht in dem Maße, wie ich es gut fände.

Fazit zur Fremdenlegion

Ich verstehe den Reiz, den die Fremdenlegion ausübt. Gerade Männer aus Staaten mit niedrigem Einkommen können ihre Situation durch Mitarbeit in der Fremdenlegion stark verbessern, solange sie nicht getötet oder verstümmelt werden.

Für mich wäre es nichts. Mit Mitte 30 hatte ich mal daran gedacht, allein wegen des Trainings, das einen dann auch für das Leben außerhalb des Krieges ziemlich fit macht.

more power to you



 

Titelbild: 12019

 

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