Entwurf einer alternativen Gesellschaft: Ökotopia

Eines der erstaunlichsten Bücher, die mir auf meinem Weg begegnet sind, ist „Ökotopia“ von Ernest Callenbach.

Das Buch wurde 1975 veröffentlicht. Ich finde es in vieler Hinsicht erstaunlich vorausschauend.

Es passt sowohl in die Kategorie Soziologie als auch Science-Fiction. Die Handlung spielt im Jahre 1999 und besteht aus einer Mischung aus Reportagen und Tagebucheinträgen des Reporters William Weston.

„Ökotopia“ entwickelt eine gänzlich realistische und machbare alternative Gesellschaft.

Ökotopia hat eine kleine Regierung, die sich in das Alltagsleben ihrer Bürger kaum einmischt.

Vernünftige, lebensnahe Regeln

Es gibt nur wenige Gesetze und Regeln, wobei die bestehenden Gesetze schlicht Common Sense sind. Sehr interessante Perspektive: Körperliche Gewalt wird strenger verfolgt als Eigentumsdelikte.

Bei der Bestrafung stehen Rehabilitation und Reintegration im Vordergrund, aber nicht als isolierte Maßnahmen einer Behörde, sondern als Denkansatz der gesamten Gesellschaft.

Technik ist allgegenwärtig, aber sanft

Die moderne Technik wird keineswegs verdammt. Das Leben in Ökotopia ist auf allen Ebenen durchdrungen von Technologie. Bereits 1975 beschreibt Callenbach etwas, das genauso aussieht wie eine heutige Skype-Videokonferenz.

Zusätzlich wird jedoch immer die Frage gestellt, welche Technik der Natur, und damit schließlich den Menschen, am wenigsten Schaden zufügt.

Gleichberechtigte „Normalneurotiker“

Es gibt auch keine Gleichschaltung aller Meinungen oder den Versuch, alle Bürger von den gleichen Ideen zu überzeugen. Es gibt eine permanente Diskussion über so ziemlich alle Fragen des Lebens und der Gesellschaft.

Um zu überzeugen, bedient man sich vorrangig entspannt vorgetragener, sachlicher Argumente statt hypnotischen Schlagworten und emotional aufgeladenem Hype.

Es gibt auch eine Opposition, und es gibt ein paar Bürger, die mit ihrem Lebensstil nicht zufrieden sind. Die Opposition wird nicht verfolgt, unterdrückt, man versucht nicht, ihre Meinung manipulativ oder durch Gewalteinwirkung zu ändern.

Die Bürger von Ökotopia sind keineswegs vollkommen oder psychologisch sensationell weit entwickelt. Emotionale Ausbrüche, übertriebene Reaktionen, seltsame Fixierungen und unreifes Verhalten sind allgegenwärtig, aber niemand versteift sich lange auf irgendetwas.

Gewalt lebt

Insbesondere wird, und das hat mich besonders beeindruckt, die menschliche Anlage zur Gewalt nicht geleugnet, weder die männliche kriegerische Aggression noch die Unterstützung der Gewalt durch die Frauen.

Die Mehrheit der Bürger in Ökotopia hat eingesehen, dass es eine menschliche Anlage zur Gewalt gibt. So hat man einen ritualisierten Weg gefunden, diese Gewalt zu kanalisieren.

Der Weg ist nicht perfekt, und es geht nicht ab ohne körperliche Verletzungen und gelegentliche (sehr seltene) Todesfälle, aber dies wird akzeptiert als bessere Alternative zum Krieg.

Externalitäten werden berücksichtigt

Durch die Trennung von Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft werden in der westlichen Wirtschaft „Externalitäten“ nicht berücksichtigt bzw. kalkuliert.

In Ökotopia werden Dynamiken wie Abfallentstehung und Beseitigung von Umweltschäden als „soziale Kosten“ einkalkuliert, wenn es z.B. um die Entscheidung zwischen verschiedenen Produktionsverfahren geht.

Der Mensch ist Teil des Kreislaufes

Strom wird fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen gewonnen.

Überhaupt versucht man in Ökotopia, keine bleibenden Schäden anzurichten. Man nimmt nur, was man braucht, und versucht, das, was man nicht mehr braucht, wieder in den natürlichen Kreislauf einzuspeisen.

Technische Machbarkeit

Viele der beschriebenen technologischen Neuerungen wären bereits 1975 realisierbar gewesen, alles Weitere hat die moderne Technik aufgeholt.

Kritik

Die negative Kritik zum Buch, die ich gefunden habe, fand ich drollig bis trollig.

Callenbach wurde u.a. vorgeworfen er sein frauenfeindlich und rechtsextrem. Wie bei so vielen Gelegenheiten, wo diese beiden Vorwürfe erhoben werden, sehe ich nicht den geringsten Bezug zu dem, was er geschrieben hat.

Aber das ist ja überall so: Ob ich eine Anleitung zum Reifenwechsel veröffentliche oder ein Foto von einer Blattlaus, erstmal heißt es, das sei frauenfeindlich und rechtsextrem.

Fazit

Ich empfehle das Buch jedem, der tiefer über Alternativen zum Bestehenden nachdenken will. Das Buch hatte bereits starken Einfluss auf viele alternative Projekte.

Im Moment (Stand: Oktober 2015) ist das Buch leider nur auf Englisch erhältlich:

 

Ecotopia: The Notebooks and Reports of William Weston. (Fremdsprachentexte) (Reclams Universal-Bibliothek)

Price: EUR 8,00

4.1 von 5 Sternen (12 customer reviews)

40 used & new available from EUR 3,34

 

Bild: WildOne

 

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