Die eigene Wut konstruktiv nutzen: Rage Club

Es lief so, wie es meistens läuft: Allen war klar, es musste etwas getan werden. Und alle starrten vor sich hin, in der Hoffnung, dass jemand anders es tut. Da aber auch jemand anders nur vor sich hinstarrte, tat niemand etwas.

Bis eine naive, unerfahrene dumme junge Seele genug davon hat und sagt: „Na gut, ich mach’s.“

Viele wütende Menschen

Es war irgendwann 1996, wir saßen bei einem unserer Donnerstagabend-Arbeitstreffen und kamen zu dem Schluss: Hamburg braucht einen Rage Club.

Nach hundert Jahren Psychotherapie laufen immer noch massenhaft Menschen mit unterdrückter Wut herum und haben nicht gelernt, diese auch nur klar zu fühlen, geschweige denn, sie auszudrücken, womöglich noch in nicht-destruktiver Form, oder sogar, die Wut konstruktiv zu nutzen.

We've Had a Hundred Years of Psychotherapy

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Wir sprachen über verschiedene Beispiele aus unserem Umfeld, wo es Menschen schwer fiel, mit ihrer Wut umzugehen. Und aus unserem Coaching-Programm hatten sich im letzten Jahr die Rage Clubs entwickelt.

Daher fanden wir: Hamburg brauch auch so etwas.

Die nächste Frage war: Wer macht’s?

Und, das Übliche. Ich hatte erwartet, in einem Umfeld, in dem Verantwortung und Pro-Aktivität so hoch gepriesen wurden, würden sich mindestens drei Leute melden.

Aber: NIX.

Alle starrten vor sich hin.

Nach gefühlt zwei Minuten Stillstand sagte ich: „Na gut, ich mach’s.“

HIT IT!

So mietete ich Räume.

Es ging los im großen Seminarraum einer Therapeuten-Arbeitsgemeinschaft in Hamburg-Lokstedt.

Später zogen wir um in eine Yoga-Schule in Hamburg-Eimsbüttel.

Aus heutiger Sicht meine ich, ich war damals zu unreif, um den Rage Club mit den profunden Ergebnissen anzuleiten, wie z.B. Dorothea Lang in Bremen sie erzielte.

Was wir machten, war sicherlich nicht schlecht, und wir hatten einige sehr offene Interaktionen. Aber so gut wie Dorothea in Bremen oder Manfred in Freiburg war ich nicht.

Zu mir kamen denn die Kunden auch hauptsächlich durch die zentrale Organisation unserer Coaching-Ausbildung.

Durch meine eigene Werbung gewann ich 2 oder 3 Teilnehmer dazu.

Wie funktionierte Rage Club?

Wir benutzten einen Prozess, der sehr geradeaus lief:

Zum Aufwärmen machten wir, neben Lockerungsübungen, Körperbewegungen, die mit dem Ausdrücken von Wut assoziiert waren, wie Fauststöße und Fußtritte.

Dann konnte jeder fühlen, bin ich heute wütend, oder nicht?

Wer wollte, konnte dann Wut ausdrücken, mit Hilfe verschiedener Techniken.

Wir hatten in unserem Coaching-Programm über die Jahre ein paar Aufbauten entwickelt, mit denen Teilnehmer Wut ausdrücken konnten, ohne dass jemand körperlich verletzt wurde.

Für den stoßweisen Ausdruck gab es das Schlagen eines Kissens. Für die Mords-Wut gab es ein Handtuch zum Würgen. Für Widerstand gab es den „Ragehold“, wo der Teilnehmer von 7 anderen auf dem Boden gehalten wurde.

Und so entwickelten wir mit der Zeit noch ein paar weitere Aufbauten.

Manchmal brauchte es erst das Ausdrücken von Wut, um festzustellen, worüber ich eigentlich wütend bin. Dann konnte ich mein Missfallen klar ausdrücken. Ich erkannte sehr klar, worüber ganz genau ich in einer bestimmten Situation wütend war.

Energetisches Jiu-Jitsu

War ich wütend, weil jemand mir nicht zuhörte oder weil ich nicht in der Lage war, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen?

War ich wütend, weil ich fand, dass sich jemand überheblich aufführte, oder weil ich mich unterlegen fühlte?

War ich wütend über den Tonfall von jemandem oder über das, was er sagte?

Wenn ich dann genau wusste, auf wen ich weshalb wütend war, konnte ich feststellen, an welcher Stelle ich welche präzise Grenze ziehen kann.

Sollte ich die Grenze gegenüber jemand anders ziehen oder auch eine Grenze in mir selbst?

Und so nutzte ich die Energie der Wut, um dies festzustellen und auszudrücken.

Grenze gegenüber Einmischung

Mein damaliger Mitbewohner ging mir auf den Keks, weil er sich dauernd in alles einmischte und mir von oben herab lange Vorträge hielt, was ich wie tun sollte.

Nachdem ich in meiner Wut unser Schlagkissen intensiv behandelt hatte, war ich klar genug, meinem Mitbewohner einen Brief zu schreiben, im Geiste der Gewaltfreien Kommunikation, wie ich seine Einmischungen empfand, und bat ihn, damit aufzuhören.

Er würdigte den Brief, sagte, er könne meinen Standpunkt verstehen, und fuhr fort, sich in alles einzumischen.

Also auch diese Methode: Nicht perfekt.

Erfreulichere Beispiele

In den meisten Fällen erkannte ich, dass ich wütend darüber war, dass andere etwas getan oder nicht getan hatten.

Gleichzeitig fiel mir auf, dass dies daran lag, dass ich meinerseits nicht klar kommuniziert hatte, was ich wollte und was nicht.

Anstatt also Groll auf andere zu schieben, verwendete ich meine Energie darauf zu lernen, wie ich besser ausdrücken kann, was ich will und was nicht. Inzwischen klappt das ganz gut.

Bis heute (Stand: April 2017) werde ich vorwiegend wütend über die Reaktionen anderer, die ich aber selbst erzeugt habe, durch Ungenauigkeit oder Ungeschicklichkeit.

In diesem Sinne:

HAVE FUN!

 

Titelbild: vesnazajchenko

 

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