Das Continuum Concept: Auf der Suche nach dem Glück

Wie bereits im Artikel über den Schlüssel zur gewaltarmen Gesellschaft beschrieben, die Behandlung unserer Kinder ist ein entscheidender Faktor dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt.

Irgendwann 1992 oder so empfahl mir eine gute Freundin ein Buch, erschienen unter dem deutschen Titel „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“. Es war bereits 1975 in englischer Sprache veröffentlicht worden.

Es ist eines von den zwei Büchern, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben. (Das andere ist die Biographie von Yogananda.)

Ich habe das Buch seitdem viele Male verschenkt.

Das Continuum Concept entstand auf einer Reise der New Yorkerin Jean Liedloff, die eigentlich mit einem heißen Typen auf eine Abenteuerreise gehen wollte, um in Südamerika nach Diamanten zu schürfen.

Es wurde zu einer Forschungsreise, bei der Jean vor allem Beobachtungen bei südamerikanischen Indianern machte, die sie zu einem völlig neuen Verständnis von Kinderpflege führten. Sie formulierte dies in dem, wie sie es nannte, Continuum Concept.

In diesem Artikel schreibe ich über:

  1. Was sind die Grundideen des Continuum Concept?
  2. Meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Umfeld des Continuum Concept
  3. Ist die Methode absolut vollkommen und führt dazu, dass niemand jemals mehr irgendwelche Probleme hat?
  4. Wo kann ich beim Continuum Concept mitmachen?
  5. Mein Fazit zum Continuum Concept

Was sind die Grundideen des Continuum Concept?

Jean Liedloff schreibt von „angeborenen Erwartungen“ des neugeborenen Kindes. Das Baby erwartet auf biologischer Ebene, viel Körperkontakt zu erfahren, dass ihm wohlwollend begegnet wird, und dass es auf natürliche Art und Weise in seine Kultur hineinwächst.

Die zentrale Idee, die mich am stärksten bewegt hat, war, dass Kinder keine Gegner sind. Man muss sie nicht mit Gewalt zwingen, „gute Menschen“ zu werden. Man muss sie nicht zwingen, zu lernen oder produktiv am sozialen Leben teilzunehmen. Sie erwarten von sich aus, zu lernen und ihr Umfeld zu unterstützen.

Wenn die angeborenen Erwartungen nicht erfüllt werden, kommt das Gehirn des Kindes auf grundlegender, biologischer Ebene durcheinander. Es wird verwirrt und im günstigsten Fall nur verspannt und neurotisch, wie die meisten von uns. Im schlechteren Fall wird es unfähig, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Jean Liedloff beschrieb ihre Leser auch als „Normal neurotics like us“.

Wie sieht es bei uns aus?

Was mich betrifft und einige meiner Schulkameraden, wir wurden kaum getragen, wir wurden betrachtet als dümmliche Winzlinge, denen man „das Gute“ schon beipulen würde. Wir wurden ausgelacht, von oben herab belehrt und beschimpft.

Vieles von dem, was wir taten, wurde als feindselig und böswillig interpretiert. Und es war klar, dass wir zum Lernen gezwungen werden mussten, wir faulen, charakterlosen Zwerge.

Dann wurden wir auf Kur-Reisen geschickt. „Dieses doofe Teil hier, wir haben ihm dauernd erklärt, wie blöd es ist, und jetzt macht es uns Schwierigkeiten! Verstehen wir gar nicht! Ihr professionellen Erzieher, repariert das mal!“

Auf den Kuren entdeckte ich, wie unvorstellbar (für meinen damaligen Horizont) viel schlechter noch es anderen Kindern erging.

Die Reparatur gelang normalerweise nicht. Wir kamen wieder nach hause, und der Kleinkrieg ging weiter.

Meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Umfeld des Continuum Concept

Als ich das Buch gelesen hatte, war ich der Meinung, dass dies eines der wichtigsten Bücher ist, die je geschrieben wurden.

Ich verschenkte das Buch mehrmals und war sowieso in Kontakt mit einigen Eltern, die ihre Kinder bereits nach ähnlichen Prinzipien behandelten.

Irgendwo fand ich eine Anzeige, dass jemand gesucht wurde, um diverse Inhalte aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Da ich ganz flott übersetzen kann, meldete ich mich. Ich bekam erst einmal ein Radio-Interview zugeschickt und übersetzte dies.

Später folgten noch weitere Übersetzungen, darunter zwei Videos.

Im Zuge meiner Arbeit wurde ich dann auch zu Veranstaltungen und Treffen eingeladen, obwohl ich selbst keine Kinder habe.

1994 hatte ich dann Gelegenheit, die Autorin persönlich in Berlin zu treffen.

Kinder auf Veranstaltungen: Ein ungekannter Friede

Die Kinder, die ich auf den Veranstaltungen traf, waren tiefenentspannt, und spielten in allen Altersgruppen ruhig miteinander. Nichts von dem dauernden Hauen, Treten, Haareziehen und Kreischen, wie ich es aus meiner eigenen Kindheit kannte. Ab und zu gab es mal ein kleines Unfall-Aua, Mama kümmerte sich darum, und alles war wieder gut.

Bei einem Freund zu Besuch, gab es ein kleines Drama bei den Kindern, die im anderen Raum spielten. Zwei der Jungs, 8 und 9 Jahre alt, winkten alle Kinder an einen Tisch, wo sie sich herum setzten und das Problem diskutierten, bis sie eine Lösung hatten, mit der alle zufrieden waren.

Kein Hauen, kein Kreischen, kein Geschrei nach Mama. Sie haben ihre eigene Intelligenz benutzt, um das Problem zu lösen. Weil sie gesehen hatten, wie ihre Eltern es machen.

Ich bin fast aus den Latschen gekippt.

Die Kinder in meinem Umfeld wurden gewaltfrei und weitgehend zuckerfrei erzogen. Die Ergebnisse sind sehr sichtbar: Entspannung und Kompetenz bei denen, die jetzt junge Erwachsene sind.

Die Autorin: Ein bisschen anstrengend

1994 kam Jean Liedloff nach Berlin, um einen Workshop zu geben.

Damals hatte ich noch nicht meinen theoretischen Grundsatz formuliert, der sich über die Jahre immer wieder als wahrhaftig erwiesen hat: Je mehr Hype, desto mehr Bullshit.

Alice Miller hatte ihre Grenzen und konnte sich in ihren eigenen Sohn nicht einfühlen, Gandhi war daheim nicht immer friedfertig, Che Guevara ist wahrhaftig kein Held des Guten… Die Liste ist lang.

Also, war Jean Liedloff eine inkompetente, schwer neurotische Spinnerin? Ich würde sagen, nein. Ich fand sie OK.

Es gab die Möglichkeit, vor dem Seminar eine Therapie-Session bei ihr für 100 USD zu buchen. Das tat ich, war aber sehr enttäuscht. Ich verspürte keinerlei Wirkung. Jean war nett und professionell, aber genützt hat es mir subjektiv nichts. Ihr Ansatz war vor allem, meine eigene Interpretation meiner Kindheitserfahrungen zu ändern. Das half mir aber nicht.

Der Workshop wurde von einem jungen deutschen Paar organisiert. Mein Eindruck war, dass sie Jean ein bisschen anstrengend fanden. Jean forderte andauernd die eine oder andere Kleinigkeit. Ich vermute dahinter aus meinen eigenen Erfahrungen ein deutsch-amerikanisches Kultur-Missverständnis.

Insgesamt fand ich den Workshop nett, aber oberflächlich und wenig wirksam. Ich durfte noch 4 weitere Jahre auf erste echte Heilung warten.

Ist die Methode absolut vollkommen und führt dazu, dass niemand jemals mehr irgendwelche Probleme hat?

Die Überschrift lässt das bereits erahnen: Natürlich nicht.

Offensichtlich gibt es auch Fälle, wo Kinder, die überhaupt nicht misshandelt wurden, trotzdem anderen schlimme Dinge antun. Ich habe keine repräsentative Statistik darüber, wage aber die Vermutung, dass es sehr wenige sind.

Es gibt sicherlich den einen oder anderen seltenen Fall, wo die Gehirnchemie eines Menschen so aus der Bahn geworfen wird, durch eine vererbte Krankheit, durch schädliche Umwelteinwirkungen (Strahlung, Gifte,…), dass er völlig außerhalb seines früheren Bezugsrahmens handelt.

Und, sollten wir, weil es eine Ausnahme in zehntausend gibt, weiter misshandeln?

Dazu kommt, natürlich gibt es Lebensprobleme, die auch die entspannteste Frohnatur nicht lösen kann.

Wo kann ich beim Continuum Concept mitmachen?

In Deutschland gibt es eine große, lebendige Community um das Continuum Concept herum.

Es gibt eine Facebook-Gruppe und eine eigene Seite des Netzwerkes in Deutschland.

Im Zuge meiner damaligen Übersetzungsarbeiten war ich eine Weile lang im Verteiler des Netzwerkes, aber da ich selbst keine Kinder habe, wurde das irgendwann weniger wichtig für mich.

Mein Fazit zum Continuum Concept

Nach den tiefen Erfahrungen mit dem Umfeld des Continuum Concept und nachdem ich gesehen hatte, was sich damit erreichen lässt, hatte ich erwartet und gehofft, dass die Idee sich verbreitet und dass wir eine weniger gewalttätige Gesellschaft bekommen, die entspannter ist, offener für eine faktenbasierte Diskussion.

Das hat sich leider nicht bewahrheitet. Es ist wohl so, dass Kindesmisshandlung in Deutschland nicht mehr so intensiv stattfindet und vor allem nicht mehr für derart selbstverständlich erachtet wird wie noch 1933, und auch lange nicht so gleichgültig hingenommen wird wie in manchen anderen Ländern. Eine genaue statistische Erfassung ist sehr schwierig, da bei weitem nicht jeder Fall zur Anzeige gebracht wird.

Immerhin wurde in den 1990er Jahren ein Angang versucht, Kindesmisshandlung gesetzlich zu verbieten. Auch der deutsche Ansatz „Hilfe vor Strafe“ erscheint mir sinnvoll. Idee dabei ist, die Eltern eher zu unterstützen, selbst stabiler zu werden, damit sie anstatt Gewaltanwendung echte Lösungen finden können.

Aber immer noch sehe ich Kinderwagen, sehe ich angespannte, weinende Kinder mit genervten Eltern, und fühle meine eigene Genervtheit. Ich sehe wenige Kinder, deren biologische angeborene Erwartungen erfüllt werden.

Von 1994 bis 2012 haben laut studlib.de die Anzeigen wegen Kindesmisshandlung deutlich zugenommen, was aber nicht heißen muss, dass die Taten zugenommen haben. Wahrscheinlich hat sich nur das Anzeigeverhalten verändert.

Im Stadtbild in Hamburg sehe ich viele Eltern mit Tragetüchern, wenn auch längst nicht so viele, wie für uns gut wäre.

Die meisten Eltern in 2017 verhalten sich für meine Wahrnehmung viel freundlicher zu ihren Kindern als die meisten Eltern in 1975.

Wir sind also ein Stück weit gekommen. Und wir haben noch ein Stück vor uns, wenn wir eine freiere Gesellschaft wollen. Wenn nicht, dann einfach weiter zuhauen.

Bild: Pexels

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