Arbeiten mit Migranten

Nachdem ich immer wieder allerlei Aussagen und Urteile über Zugewanderte höre, habe ich mich entschlossen, meine eigenen Erfahrungen und Einschätzungen dazu aufzuschreiben.

Ich unterrichte seit November 2009 Rechnungswesen-Kurse hauptsächlich in Hamburg. In vielen Kursen sind TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund, zuerst vorwiegend aus ehemaligen Sowjetrepubliken, seit 2012 zunehmend aus aller Welt.

Im Rahmen eines eigenen IT-Projektes habe ich mir außerdem die Kriminalstatistiken des BKA ausführlicher angeschaut.

Erster Teil: MigrantInnen im Schulbetrieb

Insbesondere zu Zugewanderten im Schulbetrieb gibt eine ganze Reihe Vorurteile, wie zum Beispiel:

  1. Migranten nutzen das Bildungsangebot nicht, das ihnen geschenkt wird
  2. Migranten sind respektlos zu Frauen
  3. Migranten sind respektlos zu Mitmenschen und keiner tut etwas dagegen
  4. Migranten fordern Sonderrechte ein, insbesondere Gebetszeiten und Essensregeln

Wichtige Anmerkung: Vorauswahl

Vorab sage ich, wer in meine Rechnungswesen-Kurse kommt, das ist nicht die durchschnittliche Klientel.

Etwa ein Drittel der ausländischen TeilnehmerInnen hat bereits im Heimatland in der Buchhaltung gearbeitet oder eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Die anderen zwei Drittel sind meistens fleißig und motiviert.

Wer sich nachhaltig daneben benimmt, egal welcher Herkunft, bekommt von der Arbeitsagentur keinen kaufmännischen Kurs finanziert, jedenfalls nicht in Hamburg; bei den anderen Bundesländern weiß ich es nicht.

Behauptung 1: Migranten nutzen das Bildungsangebot nicht, das ihnen geschenkt wird

Dies bestätigt sich in meinen Kursen nicht. In einem Kurs, in dem fast jeder Teilnehmer aus einem anderen Heimatland stammte, war der Einzige, der nicht zu jedem Termin auftauchte, ausgerechnet der Brite.

Ein Afghane kam auch nicht regelmäßig – weil er arbeitete, in wechselnden Schichten. An einigen Tagen hatte er nachts gearbeitet und kam dann tagsüber in den Kurs. Das finde ich nicht gerade faul.

Ein russisches Paar vor ein paar Jahren machte nicht richtig im Kurs mit, weil die beiden ein Unternehmen aufbauten.

Und es gab einen afrikanischen Teilnehmer, der nicht wirklich bei der Sache war – unter mehreren afrikanischen Teilnehmern, die sehr gut dabei waren.

Behauptung 2: Migranten sind respektlos zu Frauen

Ernsthafte Respektlosigkeit von Migranten gegenüber Frauen ist mir nur in einem einzigen Fall untergekommen – eine russische Frau gegenüber einer anderen russischen Frau. Ich verstehe kaum Russisch und habe mir die Schimpftirade später übersetzen lassen. In diesem Fall lasse ich die Authentizität über den Geschmack gewinnen und gebe den Inhalt wieder: „Dich alte Fotze will sowieso niemand mehr. Wir jungen Frauen müssen Arbeit finden, also halt die Fresse und halte den Laden nicht auf!“

Die beschimpfte Dame war bereits ca. 55. Inhaltlich wäre diese Aussage ein Grund für einen Rauswurf gewesen, aber die russischen Damen neigen insgesamt zu einer farbenfrohen Ausdruckweise, und niemanden im Kurs schien das nachhaltig zu stören.

Der zweite Fall von ernsthafter Respektlosigkeit war, als eine deutsche Frau einen sehr freundlichen Teilnehmer aus dem Libanon massiv verbal anging, weil er eine Frage zu einem Thema zum zweiten Mal gestellt hatte. Ich ermutige meine Teilnehmer zu mehrfachem Fragen. Der junge Mann nahm es sehr gelassen und sagte „Bitte nenne mich nicht einen Idioten. Ich will das hier nur verstehen. Bitte entspanne Dich etwas.“ Sie wurde noch aggressiver und beleidigender. Er blieb sehr gelassen.

Ein türkischer Mann flirtete etwas mit der Dame neben ihm, auf clevere, charmante Weise. Er war ein großer, kräftiger Mann mit einem intelligenten Humor. Sie kicherte, schien sich zu freuen, und als sie ihre Telefonnummer nicht herausrücken wollte, war das Thema auch durch – keine Schimpfworte, keine patzigen Antworten.

Behauptung 3: Migranten sind respektlos zu Mitmenschen und keiner tut etwas dagegen

In meinen Kursen habe ich selbst insgesamt mehr Respektlosigkeit von Deutschen erlebt als von Ausländern.

Viel mehr.

Bei einem Kollegen von mir sagte ein Teilnehmer ausländischer Herkunft zu einem anderen: „Ich kann Dich auch töten lassen!“ Das wurde der Schulleitung mitgeteilt, Zeugen wurden gehört, und nach 2 Stunden war die Schulkarriere des Herren beendet. So viel zum Thema „Keiner tut etwas dagegen.“

Bei einem anderen Kollegen gab es einen körperlichen Angriff eines Teilnehmers auf einen anderen. Der Kollege ist ehemaliger Ermittler beim LKA und Schwarzgurt in diversen Kampfkünsten, so dass der Angriff sich als blöde Idee erwies. Der Angreifer hatte längeren nahen Kontakt zum Teppich und wurde ebenfalls entlassen.

Behauptung 4: Migranten fordern Sonderrechte ein, insbesondere Gebetszeiten und Essensregeln

internationales Buffet
Ein friedliches internationales Abschieds-Buffet

Die immer wieder zitierten Klischees: Migranten fordern Gebetszeiten und beschweren sich über Essen, das nicht „halal“ ist und wollen insbesondere anderen, speziell Inländern, Vorschriften zum Essen aufzwingen.

In 9 Jahren habe ich keinen einzigen solchen Fall erlebt. Bei einem Kollegen gab es einen Fall eines Teilnehmers, der nach Gebetszeiten verlangte. Der Kollege suchte eine Koran-Passage heraus, nach welcher man die Gebete später nachholen darf, wenn man arbeiten muss. Damit war das Thema durch.

Zum Thema Essen erinnere ich mich an eine einzige Diskussion zu einem gemeinsamen Buffet, bei der besprochen wurde, wer was essen darf. Niemand versuchte, einem anderen etwas aufzuzwingen.

Bei meinem bisher besten Abschieds-Buffet brachte eine Dame aus China Dim Sum mit Schweinefleisch auf den Tisch. Sie verkündete, da ist Schwein drin. Wer das nicht essen wollte, bediente sich an den anderen Sachen. Es gab kein Stirnrunzeln, kein Naserümpfen, keine abfälligen Kommentare. Aus ihren eigenen Heimatländern hatten andere Teilnehmer u.a. mitgebracht; Couscous-Salat mit Minze aus Syrien, Teigtaschen aus dem Libanon, türkisches Börek.

Zweiter Teil: Die offizielle Kriminalstatistik des BKA 2014 bis 2017

Im Rahmen meiner eigenen IT-Fortbildung besorgte ich mir einen Teil der offiziellen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes – den Teil, welcher Angaben zu Nationalitäten von Tatverdächtigen beinhaltet.

Es handelt sich um das Excel mit der offiziellen Bezeichnung „Tabelle62“. Das Dokument ist öffentlich zugänglich. Hiervon besorgte ich mir die Ausgaben von 2014 bis 2017 und brachte sie mit Hilfe von ein paar VBA-Entwicklern umformatiert gesammelt nach MS Access. Die Auswertung wäre auch über PowerQuery möglich gewesen, aber das wusste ich damals noch nicht.

Nun gibt es Behauptungen, die Rohdaten seien verfälscht, viele Vergehen von Migranten würden gar nicht erfasst, usw. Insbesondere wurde dies behauptet über das Land Brandenburg. Das mag so sein, das kann ich nicht beurteilen. Ich arbeite nun mit dem, was ich habe.

Bevölkerungszahlen zum Vergleich

Um sinnvolle Aussagen treffen zu können, besorgte ich mir die Bevölkerungszahlen vom Statistischen Bundesamt, um zu erfahren, wie viele Mitmenschen hier ursprünglich aus welcher Nation stammen.

Ich habe Gespräche mit angehört, nach denen die Bevölkerungszahlen insbesondere für 2015 und 2016 nicht gut gesichert sind. Das ist Hörensagen und ich habe keine soliden Anhaltspunkte, ob das stimmt oder nicht.

Dann setzte ich die Tatverdächtigen laut BKA ins Verhältnis zu den Bevölkerungszahlen laut Statistischem Bundesamt. Ganz sicher ist das Ergebnis nicht 100% wasserdicht, aber mir scheint, es sind Tendenzen zu erkennen.

Statistiken zu verschiedenen Delikten

Mich interessieren keine Bagatellen wie Dokumentenfälschung oder Diebstahl kleiner Sachen. Ich habe mich konzentriert auf Delikte, bei denen Menschen körperlich oder in hohem Maße wirtschaftlich zu Schaden kommen.

Was Mord angeht (Delikt-Sammelcode 010000, offiziell „Mord nach § 211 StGB“), so ist die statistische Masse in Deutschland so klein, dass sich keine sinnvollen Schlüsse ziehen lassen. Die Tatsache, dass ausgerechnet drei Moldavier in 2017 an der Spitze landen, ist eher eine zufällige Kuriosität.

Bei den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ (Sammelcode 100000) ist die statistische Masse höher. Hier fallen bestimmte Nationen auf. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite: Wie viele sind das, gemessen an der Menge derer, die hier leben? Einer von 200, einer von 300, einer von 500. Sind deshalb alle Vergewaltiger? Wohl eher nicht.

Anders sieht es leider aus bei „Roheitsdelikten“ (Sammelcode 200000); diese umfassen u.a. Körperverletzung, Raub und Freiheitsberaubung. Auch wenn die Deutschen sich hier nicht mit Ruhm überhäufen und ca. einer von 145 (0,67%) einer gewalttätigen Straftat verdächtig ist, einige Nationalitäten liegen in 2017 doch weit darüber.

„Multikulti ist gescheitert“, sagt Mutti

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Jahre 2010 selbst öffentlich verkündet, dass die komplette Integration aller Kulturen gescheitert sei. In 2015 hat sie ihre Meinung dazu offenbar geändert.

Was ich besonders interessant fand: Im Jahre 2015 veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit eine Aussage, nach welcher 90% der Zugewanderten für den bestehenden Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind.

Als ich später nach dieser Aussage suchte, wurde diese zwar nicht direkt negiert, aber so weit verwaschen und gedehnt, dass sie kaum noch zu erkennen war. Die ursprüngliche Veröffentlichung habe ich nicht mehr gefunden.

So verfasste ich einen Vorschlag für eine Veränderung des Arbeitsmarktes, um Zugewanderte besser zu integrieren.

Persönlich gefühlte Konsequenzen

In meinem persönlichen Leben bemerke ich bis zum August 2018 keinerlei Nachteile durch die Zuwanderung, weder in meiner allgemeinen Lebensqualität noch finanziell. Alle körperlichen Bedrohungen und Verletzungen, die ich selbst im Laufe meines Lebens erfahren habe (Stand: August 2018) gingen ausschließlich von Biodeutschen aus.

Ich habe auch leicht Reden. Ich wohne nicht in einem sozialen Brennpunkt. Ich wohne derzeit in HH-Neugraben. Wir haben zwar eine Menge Zugewanderte mehrerer Generationen im Süden von Hamburg, hatten aber nach meiner Kenntnis nur eine gewaltsame Straftat in Neugraben seit September 2014.

Was mir in der Debatte insgesamt fehlt, ist Rationalität

Was aber ist der Stand im Sommer 2018? Wer etwas zum Thema sagt, ist entweder „rechtsextrem“ oder ein „pathologischer Gutmensch“. Dazwischen und daneben scheint es nichts mehr zu geben.

Was mir fehlt, ist dass BEIDE Seiten Unperfektion und blinde Flecken eingestehen und zugeben, dass sie auch keine perfekte Antwort haben. Wenn die andere Seite zutreffende Fakten präsentiert, sollte die andere Seite diese anerkennen, ohne defensiv zu werden. Die Fakten sollten natürlich auch ohne Übertreibung präsentiert werden. Das fehlt mir bei den meisten Debatten.

Die Statistiken sind relativ klar, wenn die erfassten Daten denn näherungsweise korrekt sind.

Gibt es Zugewanderte, die das Sozialsystem ausnutzen? Die gibt es ganz bestimmt. Wie viele? Keine Ahnung. In einem Bezirk in NRW wurde über ca. 300 Fälle berichtet.

Wird an manchen Stellen gelogen über die Kosten und die Chancen der Migration? Ja.

Wird an anderen Stellen gelogen und übertrieben, was die negativen Folgen der Migration angeht? Ja.
Hat die Bankenkrise nominell mehr gekostet? Ja.

Das Thema „Steuerflüchtlinge“ wird teilweise so sachunkundig diskutiert, dass ich dazu vielleicht später mal was schreibe.

Fazit

Ich bemühe mich redlich, die psychologische Reife des dritten Lebensjahres zu überschreiten.

Wenn mir jemand belegte Fakten präsentiert oder verfolgbare Logik, bezeichne ich dies nicht als „Verschwörungstheorie“, „Hasspredigt“ oder „irre“. Ich höre mir die Fakten an und recherchiere.

Eine perfekte Antwort habe ich auch nicht.

Es könnte ein Anfang sein, Fakten und Logik zu überprüfen und auf Basis von zutreffenden Fakten und halbwegs haltbaren Annahmen an rationalen Lösungen zu arbeiten.

An manchen Stellen ist das sehr schwierig, das ist mir auch klar.

 

Titelbild: 534131

 

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