Alternative Wirtschaftsform: Agorismus

Agora
Agora, ein allen gerechter Marktplatz?!

Im Jahre 1975 prägte der Denker Samuel Konkin den Begriff „Agorismus“ als eine Alternative zur staatlichen Organisation.

Was ist Agorismus und was bringt er?

Der Begriff stammt von dem altgriechischen Wort „Agora“, welches „Marktplatz“ bedeutet. Die Agora war in den griechischen Stadtstaaten einerseits ein Ort des Warenhandels, andererseits ein Ort der Versammlung, auf dem debattiert wurde, wo Entscheidungen inhaltlich vorbereitet wurden.

„Das Ziel des Agorismus ist die Agora. Die Gesellschaft des offenen Marktplatzes, so frei von Diebstahl, räuberischem Überfall und Betrug, wie es menschenmöglich ist. Das ist die freiest mögliche Gesellschaft, die Menschen erreichen können. Und nur in einer freien Gesellschaft kann jeder Einzelne von uns subjektive Bedürfnisse erfüllen und den eigenen Werten folgen, ohne die Werte anderer zu bedrohen mit Gewalt und Zwang.“
(Samuel E. Konkin III.)

Ein wesentlicher Bestandteil des Agorismus innerhalb eines Staates ist die „Gegenwirtschaft“ (Counter Economics).

Gegenwirtschaft

Die Gegenwirtschaft ist nach Konkin die Summe aller nicht-aggressiven Handlungen, die vom Staat verboten sind. Sie umfasst den freien Markt, den Schwarzmarkt, Untergrundwirtschaft, alle Arten zivilen Ungehorsams, alle Arten verbotener gemeinsamer Tätigkeiten (sexuell, ethnisch, religionsübergreifend) und alles andere, was der Staat verbietet, kontrolliert, reguliert, besteuert oder mit anderen Abgaben belegt.

Die Gegenwirtschaft schließt alle Handlungen aus, die der Staat gutheißt. Ebenso schließt sie den „roten Markt“ aus, der durch Diebstahl und Gewalt bestimmt wird.

Hierzu gehören „profitabler ziviler Ungehorsam“, Widerstand gegen das Parteiwesen und freiwillige Zusammenarbeit.

Profitabler ziviler Ungehorsam

Man kann einerseits langsam eine Mehrheit an Wählerstimmen gewinnen, um die Staatsmacht abzuwählen. Anderseits kann man zivilen Ungehorsam begehen und davon profitieren, Steuern und Regulierungen ignorieren. Dadurch hat man weniger Kosten und eine Chance auf höhere Rentabilität.

So soll der Staat schließlich seines Einkommens beraubt werden und gezwungen sein, seine Funktionen an dezentralisierte Institutionen abzugeben.

In meiner Eigenschaft als normaler Bürger empfehle ich nicht, Steuern zu hinterziehen. Wer dabei erwischt wird, muss schließlich mehr zahlen oder kommt ins Gefängnis, wo die bösen Räuber sind.

Ich will da nicht hin.

Widerstand gegen das Parteiwesen

Agorismus unterstützt keinerlei politisches Engagement unter Mitwirkung politischer Parteien, als Übergangslösung zu Anarchie mit einem freien Markt. Auch die Methoden liberaler Parteien sind nicht kompatibel mit dem Agorismus.

Freiwilliges Zusammenwirken

Der Agorismus ist prinzipiell gegen politische Wahlen und politische Reformen. Viel mehr wird die Notwendigkeit betont, außerhalb des politischen Systems Strukturen zu schaffen, mit denen eine freie Gesellschaft erreicht werden kann.

Dazu gehören Ausbildung und Information, Alternativwährungen, Unternehmertum, Selbstversorgung, ziviler Ungehorsam und, nach Meinung von Konkin, unbedingt die Gegenwirtschaft.

Klassentheorie

Konkin unterscheidet Unternehmer in 3 Klassen:

  1. Der „gute“ Unternehmer, der Innovationen hervorbringt und dabei Risiken eingeht. Diese Gruppe macht die Stärke eines freien Marktes aus.
  2. Kapitalist, dem der Staat egal ist. Relativ passiv, macht sich wenig Gedanken um gesellschaftliche Dynamiken
  3. Staatsfreundlicher Kapitalist – diejenigen, die von staatlichen Programmen profitieren

Der durchschnittliche Arbeitnehmer kommt in dieser Einteilung nicht vor.

Eigentumsrechte im Agorismus

Der Agorismus erkennt nur materielles Eigentum an, kein geistiges.

„Wenn ich eine Technik erfinde, um Baumwolle zu ernten, könnte ein anderer auf diese Art Baumwolle ernten, ohne mir etwas wegzunehmen. Ich habe nach wie vor die Technik (ebenso wie die Baumwolle). Die Nutzung durch Andere schließt meine Nutzung nicht aus; wir können beide die Technik nutzen, um Baumwolle zu ernten. Es herrscht keine wirtschaftliche Knappheit und keine Möglichkeit für einen Konflikt über ein knappes Gut. Deshalb gibt es auch keinen Grund, andere von der Nutzung abzuhalten.“
(Hans-Hermann Hoppe und Stephan Kinsella, „Imaginäres Eigentum – Naturrechtliche Kritik am Geistigen ‚Eigentum'“)

Zwischen-Fazit zum Agorismus

Die Agoristen liefern aus meiner Sicht fundierte Argumente und nicht nur wichtigtuerisches Geschrei.

Ist Widerstand gegen die Staatsgewalt ratsam? Gewaltlosen Widerstand gegen Ungerechtigkeiten halte ich in jedem Fall für gerechtfertigt.

Wer Illegales tut und dabei erwischt wird, der bezahlt schließlich mehr. Im ungünstigsten Fall landet er im Gefängnis, wo die bösen Räuber sind. Ich will da nicht hin.

Die „Gegenwirtschaft“ kommt für mich somit nicht in Frage.

Womit der Agorismus sicherlich richtig liegt ist, dass Zwang in allen Formen vor allem uneffektiv ist und immer schlechtere Ergebnisse hervorbringt als ein freiwilliges Zusammenwirken.

Wer Samuel Konkin in deutscher Fassung lesen will (die Übersetzung ist etwas sperrig), der kann sein Manifest gratis als PDF herunterladen: Das Neuliberale Manifest

Ausführliche Argumentationen mit Diskussion der klassischen Gegenargumente finden sich auf der Seite Freitum.

Mein Lieblings-Akteur in den alternativen Medien, James Corbett, hat im Oktober 2015 eine Präsentation über den Agorismus online gestellt.

Titelbild:LoggaWiggler

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3 Kommentare

  1. Sehr informativer Artikel. Danke.

    Zu Eigentumsrechte im Agorismus:
    Wird dann nicht etwa der Anreiz in Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen gesenkt, wenn das Endprodukt letztendlich für alle Unternehmen gleich verfügbar ist?
    Somit hat der Urheber einer neu-entwickelten Technik/Produktes die Kosten für die Forschung/Entwicklung zu tragen, das Endprodukt ist aber letztendlich für alle Unternehmen verfügbar, wodurch die Profitmarge für die Konkurrenz höher ist (Da keine nennenswerten Kosten für die Forschung/Entwicklung auftreten).

    Somit werden eher widerwillig Investitionen getätigt werden, da auf dem freien Markt kein Kostenvorteil für den Investor entsteht.

    Das Ignorieren des geistigen Eigentums ist dann wohl auch Teil der „Gegenwirtschaft“.

    • Hallo Physical Remover, vielen Dank für den Kommentar!
      Dies ist für mich auch ein kritischer Punkt. Ich habe mich auch gefragt, wie viel Anreiz besteht, neue Ideen zu schaffen, wenn man dafür im Austausch nichts oder wenig bekommt.
      Als Songschreiber würde ich sicherlich mehr Zeit, Energie, Sorgfalt und Überarbeitung in meine Songs stecken, wenn ich dafür bezahlt würde. Wenn dann jeder einfach die Songs nehmen darf, verliere ich zwar nichts, aber gewinne auch nichts und habe deshalb weniger Anreiz. Hätten wir Michael Jackson, Prince, KISS, Mötley Crüe in dem Ausmaß zu hören bekommen, wenn sie nicht oder nur sehr gering bezahlt worden wären?
      Jonas Salk, Entwickler der Polio-Impfung, hat sein Patent damals der Welt kostenlos zur Verfügung gestellt und gesagt „Die Sonne kann man auch nicht patentieren!“ Dahinter steckt vermutlich so eine Idee wie, Erfindungen sind Eingebungen, die auf den Erfinder strahlen wie die Sonne.
      Viele Menschen haben einfach Freude an dem Prozess, etwas zu entwickeln, und wollen gar keinen materiellen Lohn dafür. Andere sehen es anders.
      Für mich ist die Diskussion zum „geistigen Eigentum“ noch sehr offen.
      Was materielle Produkte angeht, so kann ein Unternehmen enorme Wettbewerbsvorteile gewinnen, wenn es solide arbeitet. Sowohl Porsche als auch Rover fahren mit einem Verbrennungsmotor. Die Rover fahren allerdings meist nicht weit, die Porsche halten Jahrzehnte bei guter Pflege.
      Ein materielles Auto-Fertigprodukt ist auch schwerer zu klauen als ein MP3-Audio.
      Also, mir ist das auch nicht ganz klar.

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