Alternative Menschliches Wirtschaften: Barfuß-Ökonomie

barfuss
Barfuß

Ein Ansatz für menschliches Wirtschaften, für eine Ökonomie, die zum Menschen und seiner Umwelt passt, ist „Barefoot Economics“ von Manfred Max-Neef.

Max-Neef, deutscher Abstammung, 1932 geboren in Chile, ist im spanischen und englischen Sprachraum bereits etwas bekannt, im deutschen weniger.

Ich wurde 2009 auf seine Arbeiten hingewiesen durch meinen damaligen Mentor Warren Barigian.

Akademische Ökonomie ist unvollständig

Manfred Max-Neef erkannte, wie unvollständig das moderne akademische Bild von der Ökonomie ist, als er inmitten von Platzregen im Schlamm in Südamerika stand und einen Ureinwohner betrachtete, der barfuß im selben Schlamm stand.

Er dachte bei sich, welche ökonomischen Begriffe habe ich, um dem Ureinwohner seine Situation zu erklären? Soll ich ihm sagen, die gute Nachricht ist, das Bruttosozialprodukt ist um 5% gestiegen?

Während meiner eigenen Lehrtätigkeit sind mir auch einige Dinge aufgefallen, die im Bereich Betriebswirtschaft unterrichtet werden, die für mich keinen wirklichen Sinn machen. In meinem Fall handelt es sich vor allem um Fachbegriffe, die wohl große Bedeutsamkeit vorgaukeln sollen, die sie aber nicht haben.

Die heutige akademische Ökonomie (Stand: Oktober 2015) hat wenig Bezug zu Ökologie und Sozialwissenschaften, obwohl Wirtschaften immer innerhalb von Ökosystemen und Sozialsystemen stattfindet, von diesen beeinflusst wird und diese wiederum beeinflusst.

Ein starker Schwerpunkt von Max-Neef liegt auf dem qualitativen Wachstum gegenüber dem quantitativen: Besser statt mehr.

Hierzu gehören vor allem Ansätze, wie menschliche Bedürfnisse, statt mehr, besser und ganzheitlicher befriedigt werden können.

Im Weiteren befasse ich mich insbesondere mit dem Verständnis menschlicher Bedürfnisse und deren Befriedigung, basierend auf den Arbeiten von Manfred Max-Neef

Die traditionelle akademische Ökonomie geht davon aus, dass menschliche Bedürfnisse unbegrenzt sind. Die meisten ökonomischen Lehrbücher benutzen als Grundlage zu diesem Thema die Bedürfnispyramide nach Maslow.

Bedürfnisse nicht hierarchisch, aber organisch

Max-Neef dagegen schlägt einen anderen Ansatz vor. Nach seiner Einschätzung sind menschliche Bedürfnisse weitgehend gleichrangig und begrenzt und erfüllbar. Nach seinem Verständnis sind menschliche Bedürfnisse aus der Evolution erwachsen und gehören untrennbar zur Biologie des Menschen.

Die 9 universellen, kulturunabhängigen menschlichen Bedürfnisse nach Max-Neef sind:

  1. Überleben
  2. Schutz (vor Krankheit und Schmerz)
  3. Zuwendung
  4. Verstehen und Lernen
  5. Teilhabe am sozialen Leben
  6. Spiel und Freizeit
  7. Kreativität
  8. Identität, Selbstverständnis
  9. Freiheit (Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, freie Rede u.ä.)

Dabei sind alle diese Bedürfnisse gleichrangig mit Ausnahme des Überlebens.

Er vermutet, dass ein zehntes Bedürfnis, das nach Transzendenz, sich langfristig zu einem universellen Bedürfnis entwickeln wird.

Befriediger, die mehr oder weniger befriedigen

In einer ausführlichen Abhandlung beschreibt er Versuche, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, die mehr oder weniger gut funktionieren. Er unterscheidet 3 Kategorien von Befriedigern:

Behindernde Befriediger

erfüllen nur EIN Bedürfnis, und dieses nur unvollständig oder scheinbar, erschweren oder verhindern aber die Erfüllung eines oder mehrerer anderer Bedürfnisse

Beispiele behindernde Befriediger

Das Wettrüsten erfüllt ein Bedürfnis nach Schutz. Gleichzeitig behindert es Zuwendung und beschränkt Freiheiten.

Der autoritäre akademische Lehrbetrieb erfüllt scheinbar das Bedürfnis nach Verstehen, beschränkt aber Freiheit und Kreativität.

Singuläre Befriediger

erfüllen nur EIN Bedürfnis und vernachlässigen die anderen

Beispiele singuläre Befriediger

Abstimmungen bei der Wahl von Führern oder Maßnahmen erfüllen das Bedürfnis nach sozialer Teilhabe, ohne die Erfüllung anderer Bedürfnisse zu behindern, sofern die Wahl tatsächlich frei, gleich und geheim ist.

Geschenke erfüllen ein Bedürfnis nach Zuwendung und behindern nicht die Befriedigung anderer Bedürfnisse, sofern das Geschenk auf ethische Weise hergestellt und erworben wurde.

Synergistische Befriediger

erfüllen mindestens ein Bedürfnis, oft mehrere gleichzeitig, und begünstigen die Erfüllung weiterer Bedürfnisse

Beispiele synergistische Befriediger

Das organische Stillen von Kindern erfüllt Bedürfnisse nach Überleben und Zuwendung sowie Schutz und legt die Grundlage für einen Sinn für Identität.

Selbstorganisierte Produktion erfüllt das Bedürfnis nach Überleben, kann einen Sinn für Identität stiften, erfordert Kreativität und soziale Teilhabe und bedeutet ein gewisses Maß an Freiheit.

Wirklich menschliches Wirtschaften wird nur dauerhaft möglich sein, wenn die Menschen sich auf synergistische Befriediger konzentrieren anstelle der behindernden.

Der Schwerpunkt der nordwestlichen Welt liegt derzeit (Stand: Oktober 2015) eher auf behindernden und singulären Befriedigern. Insbesondere die akademische Ökonomie, aber auch die Arbeitskultur konzentrieren sich stark auf diese beiden.

Wenn die Befriedigung mancher Bedürfnisse immer wieder die Befriedigung anderer Bedürfnisse behindert oder verhindert, kann man sich schnell denken, wo das hinführt.

Klüger wäre nach meiner Ansicht ein Ansatz, bei dem Arbeit und Zusammenarbeit gleich mehrere Bedürfnisse auf einmal befriedigen. Dies bedeutet ein Mehr für alle.

Buch zum Thema

Bereits 1992 veröffentlicht, aber immer noch aktuell:

From the Outside Looking in: Experiences in Barefoot Economics

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Bild:FeeLoona

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2 Kommentare

  1. Wir würden gerne an unserer Uni (HNE) Eberswalde eine Vorlesung / einen Workshop zum Thema Barfuß Ökonomie , Bedürfnismatrix und Max Neef organisieren.

    Wer kennt eine*n Max Neef -Expert*in im deutschen Raum?

    Lg
    paule

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