Ist es wichtig was andere über mich denken?

 

Wir machen uns mitunter Sorgen, was andere „über uns denken“ könnten.

  • „Wenn ich dies tue, was werden dann meine Freundinnen denken?“
  • „Wenn ich das kaufe, was werden dann die Nachbarn denken?“

Meine gewohnte satirische Antwort darauf ist, die meisten Leute denken sowieso nicht, also besteht da wenig Risiko.

Das ist natürlich nur ein Witz und löst nicht das emotionale Problem, das dahinter steht.

Es ist die Angst, von anderen beurteilt zu werden. Besonders kritisch wird es, wenn diese „anderen“ dann mögliche Macht über uns haben.

Manche sagen dann: „Kümmere Dich nicht darum, was andere denken!“

Das ist eine beliebte Parole in diversen Selbsthilfe-Zirkeln. Ich halte dieses Soundbyte für deutlich zu undifferenziert.

Ich halte es für sehr naiv, die Urteile anderer pauschal abzutun. Viele dieser Urteile sind tatsächlich unwichtig, aber nicht alle.

Welche Fälle würde ich unterscheiden:

1. Urteile als emotionaler Reflex: Irrelevant
2. Unqualifizierte Urteile durch irgendwen: Irrelevant
3. Unqualifizierte Urteile durch Machtinhaber: Lästig
4. Qualifizierte Einschätzungen: Wertvoll
5. Beide Seiten haben unrecht

Kategorie 1: Urteile als emotionaler Reflex

Was manche Leute als „denken“ bezeichnen, ist oft ein erworbener emotionaler Reflex.

Wir urteilen oft aus erworbenen emotionalen Reflexen, die wir als Kinder übernommen haben, auf Basis dessen, was wir als Belohnung oder Bestrafung wahrgenommen haben.

All das, was mit Schmerz und Bestrafung assoziiert wird, ist demnach „schlecht“ und wird aus dem emotionalen Reflex heraus so beurteilt. Bei mir selbst und bei anderen.

Das Urteil hat also mit dem Beurteilten wenig zu tun. Es hat auch mit dem Urteilenden in der Gegenwart wenig zu tun. Es ist ein erworbener Reflex aus der Vergangenheit, der nicht reflektiert ist, nicht inhaltlich überprüft, rein automatisch.

Sollte mir ein Urteil von jemand anders etwas ausmachen, dann habe ich dasselbe Urteil über mich, egal ob es durch Tatsachen begründet ist oder nicht.

Wenn ich über jemand anders urteile, dann, um mich selbst emotional zu schützen, um meinen eigenen Schmerz abzublocken.

Aber mit Fakten oder kompetenten Messungen haben diese Urteile nichts zu tun.

Deshalb finde ich solche Urteile relativ egal. Sie sind schlicht irrelevant.

Kategorie 2: Unqualifizierte Urteile durch irgendwen

Gerade als Wirtschaftsdozent, aber auch als Controller, werde ich mitunter von Leuten beurteilt, die ihr eigenes Urteilsvermögen recht optimistisch einschätzen, bei denen ich aber nicht ganz so optimistisch bin.

Kann ich z.B. eine sehr exotische Frage einmal nicht beantworten, nachdem ich 50 anspruchsvolle andere Fragen korrekt beantwortet habe, heißt es, ich hätte „überhaupt keine Ahnung“.

Schreibe ich eine korrekte Email auf Englisch, aber der Abteilungsleiter kann nicht so gut Englisch, behauptet er, ich hätte das Falsche geschrieben (so geschehen in einem Projekt in 2001).

Wenn das Feedback von der anderen Seite kompetent ist, finde ich es sehr wertvoll, aber manchmal ist es einfach nicht kompetent.

Das finde ich dann schlimmstenfalls ärgerlich, aber im Großen und Ganzen auch irrelevant.

Kategorie 3: Unqualifizierte Urteile durch Machtinhaber

Etwas lästig ist es, wenn mich jemand beurteilt, der die Sache nicht versteht und sich auch nicht belehren lässt.

Wenn ich mich den Entscheidungen dieser Person mehr oder weniger beugen muss, dann habe ich Pech. Da kann ich im ersten Moment auch nicht viel machen. Eventuell kann ich eine Schiedsstelle anrufen oder jemanden bitten, zu vermitteln.

Nach meiner Erfahrung ist dieser Fall in unseren Landen relativ selten, zumindest solange es Details meines privaten Lebens betrifft.

Bei der Arbeit und in Projekten habe ich so etwas fast nie erlebt, und wenn, dann nur in Bezug auf Nebensachen.

Kategorie 4: Qualifizierte Einschätzungen

Manchmal denken Leute von mir, „der Meneikis macht da was falsch“, und sie haben absolut recht.

Meine Freundin hat deutlich öfter recht, als es mir gefällt.

Wenn denn jemand mal eine durchdachte, kompetente Einschätzung von mir hat, bin ich froh und dankbar.

Selbst Gemecker kann wertvoll sein, wenn es denn auf Fakten in der Gegenwart basiert. Die Tatsache, dass meine Übungsfälle inzwischen recht übersichtlich sind, geht vor allem auf das Gemecker eines Schülers in 2010 zurück.

Nachdem er exzessiv gemeckert hatte, forderte die Klasse ihn auf, konstruktive Vorschläge zu machen, wie die Fälle besser aussehen könnten. Das tat er, und das führte zu sehr substanziellen Verbesserungen.

Der Vorname jenes Schülers war übrigens Osama, das stimmt wirklich.

Es gab noch einige weitere sinnvolle Kritik an meiner Arbeit, und so entwickeln wir uns gemeinsam weiter.

Begründete, fundierte Kritik kann also sehr produktiv sein.

Kategorie 5: Beide haben unrecht bzw. verhalten sich unproduktiv

Manche Streitereien finde ich faszinierend. Ein Unternehmer-Ehepaar, für das ich manchmal im Projekteinsatz war, stritt sich liebend gerne über Steuerrecht, ein Thema, über welches beide ultimativ ahnungslos waren.

Ich saß befremdet dazwischen und stellte fest, dass beide immer wieder Behauptungen aufstellten, die haarsträubend sachlich falsch waren. Sie stellten Umsatzsteuer in Bezug zum Gewinn und berechneten Einkommensteuer auf den Kauf von Briefmarken.

Der Streit diente also bestenfalls dem Ausagieren von Emotionen.

Bei manchen Dingen lässt sich aber auch nicht feststellen, wer „recht“ hat.

Im Unterricht gibt es jemanden, der sehr viel fragt. Eine andere Person stöhnt dabei immer wieder laut auf.

Als Dozent habe ich nichts gegen Nachfragen, ich freue mich darüber. Zum einen beweist es, dass der Fragende noch nicht eingeschlafen ist, zum anderen kriege ich eine Idee, was jemand verstanden hat und was nicht.

Ich erkläre auch einige Dinge zehnmal, oder öfter. Wenn ich selbst etwas Neues lerne, brauche ich auch viel Wiederholung.

Nun kommt es aber auch vor, dass Teilnehmer die ganze Zeit im Internet surfen und dann nach Lust und Laune fragen, wenn ihnen mal danach ist. Ich verstehe, wenn Kollegen davon genervt sind.

Manchmal scheint es mir auch, dass nachgefragt wird, nur um Aufmerksamkeit zu erhalten.

All dies kann ich auf den ersten Blick nicht beurteilen.

Vielleicht ist die Person, die stöhnt, nur verspannt und will das irgendwie abreagieren.

Vielleicht hat sie einen konstruktiven Vorschlag.

Vielleicht sind die Nachfragen angemessen, vielleicht nicht. Vielleicht ist eine genervte Reaktion durchaus passend, vielleicht nicht.

Dies kann für beide Seiten geklärt werden, wenn beide Seiten bereit sind, ihren Standpunkt in Frage zu stellen und dazu zu lernen.

Jeder Konflikt bietet die Möglichkeit für BEIDE Seiten, etwas dazuzulernen, reifer zu werden.

Urteile sollen schützen

Allerdings sind Urteile im ersten Schritt oft einfach nur emotionale Schutzschilde, um den Standpunkt der anderen Seite eben gerade NICHT sehen zu müssen.

Nach meiner Beobachtung wird weit weniger geurteilt, als wir befürchten.

Die meisten Menschen denken überhaupt nicht über Sie nach. Die sind zu beschäftigt mit der Sorge darüber, was Sie wiederum über sie denken. Wahrscheinlich gar nichts, weil Sie wiederum darüber grübeln, was diejenigen über Sie denken.

Wann immer ich mich in einem Umfeld befunden habe, wo Menschen ihre Urteile über andere wirklich reflektiert haben (unter anderem in meinen Trainings), kamen Sie immer zum gleichen Schluss: „Alles, was ich über Dich geurteilt habe, hatte mit Dir überhaupt nichts zu tun.“

Urteile sind meistens Projektion. Manchmal kann ich auch etwas daraus lernen. Manchmal auch nicht.

Foto: skeeze

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