Warum sagen Menschen nicht, was sie meinen?

Das ist jetzt das fünfte Mal und es geht mir richtig auf den Keks.

Ich frage die Teilnehmer JEDEN MORGEN, ob sie noch irgendetwas machen wollen, was wir noch nicht gemacht haben. Antwort: NIX.

Hinterher lese ich im Feedback-Bogen, „Bäh bäh bäh, wir haben gar keine Vorstellungsrunde gemacht, obwohl wir das wollten, bäh bäh bäh…“

Ich frage pro Tag FÜNF MAL, ob das, was ich sage, verständlich ist. Oder soll ich etwas nochmal oder anders erklären? Die meisten starren vor sich hin. Zwei oder drei sagen „Alles gut.“

Hinterher lese ich im Feedback-Bogen, „Bäh bäh bäh, das war alles gar nicht verständlich, der kann gar nicht unterrichten, bäh bäh bäh…“

Die „negativen“ Bewertungen kommen nur von wenigen, aber warum?

Zu meinen Vorreden bei jedem Kurs gehört es, den Teilnehmern zu sagen, dass sie bitte Kritik und Änderungswünsche gleich anbringen, damit wir etwas ändern können. Und wer mich im Kurs erlebt hat, weiß, dass ich wahrhaftig Kritik annehmen und umsetzen kann.

Der Teil ist für mich Kindergarten. Wer was will und es nicht sagt und sich dann hinterher beschwert, soll in den Kindergarten zurück gehen.

Der wichtigere Teil: It‘s about me

Im Geiste des Extreme Ownership muss ein anderer Teil dieses Verhaltens etwas mit mir zu tun haben. Ich führe die Regie auf dem Parkett des Kurses, ich bin zumindest zum Teil dafür verantwortlich, was passiert und was nicht passiert.

Wirke ich so bedrohlich, dass sich niemand traut, etwas zu sagen? Wohl kaum. Ich bin klein und nicht sehr kräftig. Und, sehr gelegentlich, kommt aktive Kritik von Teilnehmern.

Meine Absicht ist, dass die Teilnehmer etwas Sinnvolles lernen und dabei eine gute Erfahrung haben. Demnach ist mein Job, so gut ich kann, darauf hin zu arbeiten.

Also dachte ich, in erster Instanz mache ich mir mal Gedanken darüber, warum Menschen nicht sagen, was sie meinen.

Welche Gründe sind mir eingefallen?

  1. Evolution der Dominanzhierarchien und Rache für Kritik
  2. Falsch verstandene Rücksichtnahme
  3. Kein Training für Feedback
  4. Unreife

Grund 1: Evolution der Dominanzhierarchien und Rache für Kritik

Aus der menschlichen Evolution heraus sind die Wagemutigen in der Minderheit.

„Oh, ein Raubtier mit riesigen Zähnen! Lass uns näher rangehen, das ist interessant!“

Die Wagemutigen sind recht schnell ausgestorben, und das Gen mit der Neigung zu Abenteuern ist selten geworden.

Außerdem haben viele von uns gesehen, wie „Autoritäten“ (griechisch für: „Armes Würstchen mit Profilneurose“) über viele Generationen keinerlei Kritik geduldet haben und sich schlimm an den Kritisierenden gerächt haben.

Die unreife, gewaltbereite Autorität ist statistisch selten, aber wie immer reicht ein Trottel unter Vielen, um es für alle anderen zu versauen.

Wer eine solche Erfahrung gemacht hat, hält sich mit Änderungswünschen tendenziell zurück.

Grund 2: Falsch verstandene Rücksichtnahme

Manche denken wohl, wenn ich jetzt Änderungswünsche habe, das ist unpassend, das gefällt dem Dozenten nicht, und ich verdiene es auch nicht, dass jemand auf mich eingeht.

Einige Änderungswünsche gefallen mir tatsächlich nicht, aber darauf kommt‘s ja nicht an. Mein Job ist, den Teilnehmern und der Schule zu dienen. Das ist manchmal unbequem, ja. Das hält mich aber nicht davon ab, trotzdem zuzuhören und Vieles umzusetzen.

Ich lehne Vorschläge nur ab, wenn ich eine sehr solide Begründung habe, warum sie nicht in den Rahmen des Kurses passen.

Es ist eine komische Idee, einen Monat in einem Kurs zu sitzen und ihn zu hassen, anstatt anzusagen, was mir nicht passt und Veränderungen zumindest anzuregen.

Das ist Rücksichtnahme an der falschen Stelle und bringt niemandem etwas.

Grund 3: Kein Training für Feedback

In der deutschen Kultur, und in den meisten anderen Kulturen werden wir nicht für Feedback trainiert. Wir wissen gar nicht, wie wir etwas rückmelden sollen.

Manche haben vielleicht die Befürchtung, dass ihre Kritik zu harsch klingt, wenn sie diese spontan äußern.

Gelegentlich, so einmal bis zweimal pro Jahr, erhalte ich auch Kritik, die sehr harsch klingt, oder einfach sehr faktenunabhängige , tatsachenfreie Beschuldigungen.

Zuletzt eine Behauptung, ich würde mich mit der ersten Reihe über private Themen unterhalten. Gefolgt von der Aussage der selben Person, es sei gar nicht zu hören, was ich da vorne sage. Finde den Fehler…

Abgesehen davon, ja, nicht jeder kann sich unfehlbar ausdrücken. Ich auch nicht. Mir ist aber eine polterige Kritik, die vielleicht übers Ziel hinausschießt, viel lieber als beleidigtes Schweigen.

Ich habe in meinem Leben sehr heftige Auseinandersetzungen gehabt. An den meisten davon hatte ich keinen Spaß, aber aus allen habe ich gelernt.

Meine jahrelang ziemlich guten Bewertungen durch Teilnehmer kommen vor allem daher, dass ich in den ersten zwei Jahren viel auf Kritik gehört habe.

Grund 4: Unreife

Menschen verhalten sich öfter mal unreif. Manche mehr, manche weniger. Ich tue das auch manchmal.

Manche sind vielleicht nicht in der Lage, das zu konfrontieren, was sie stört, und nutzen dann den Feedback-Bogen als kindische Rache nach dem Motto „Das kriegt er jetzt wieder, SO!“

Oder sie wollen nicht das Risiko eingehen zu erkennen, dass die Dinge, die sie stören, zum Teil an ihnen selbst liegen.

Das kann auch das Ergebnis einer Auseinandersetzung sein. Ich habe insbesondere in meinen Zwanzigern oft andere konfrontiert, nur um festzustellen, dass ich das, was mich störte, selber versaut hatte.

Ja, das zu erkennen, ist dann unbequem.

Fazit

Ich ermutige die Teilnehmer immer wieder, lade sie ein, an der Gestaltung des Kurses mitzuwirken. Und diejenigen, die das tun, bemerken schnell, dass sie tatsächlich mitwirken können.

Die anderen ermutige ich weiterhin.

Wird sich das jemals gänzlich geben? Nein. Vielleicht wird es weniger.

Innsbruck, am 20. August 2017

Bild: geralt

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