Kreatives Gewichtheben und der Hass auf die zweite Strophe

Wenn es scheinbar nicht vorangeht, geht oft sehr viel voran

Und wieder einmal starrt mir ein sinnloses Wortgewimmel in Schwarz finster entgehen auf einer Seite, die einfach nicht in Form kommen will.

Natürlich ist das eine Projektion; das Wortgewimmel an sich hat weder Gefühle noch Absichten.

Songschreiber hassen die kreative Periode, in welcher sie absolut unkreativ erscheinen und wo besonders die zweite Strophe einfach nicht in Gang kommt.

Ich kenne dieses Gefühl vor allem vom Songschreiben. Ich schreibe Songs, seit ich 14 bin. Am schwierigsten fand ich immer das Texten. Als deutscher Junge verstand ich die Texte der englischen Rockmusik in den ersten Jahren sowieso nicht und baute keinerlei Beziehung dazu auf.

Die grässliche zweite Strophe

Was viele Songschreiber besonders verabscheuen, ist das Verfassen der zweiten Strophe.

Ich habe einen coolen Songtitel und habe eine erste Strophe dazu geschrieben.

In der zweiten Strophe soll ich jetzt „den Grundgedanken weiterentwickeln“. Das geht, wenn man einen Grundgedanken hat. Wenn man, wie ich, nur einen cool klingenden Titel hat, kommt erstmal nix.

Und selbst wenn ich einen Grundgedanken habe, bin ich oft genug nicht voran gekommen.

Also einfach ein paar Worte zusammen geknüllt und in die grobe Richtung der musikalischen Silben geworfen. Was an einer Stelle liegenbleibt, die grob passt, festkleben. Fertig.

Oder?

Kreatives Gewichtheben

2015 fing ich an, mich darum zu kümmern, Songschreiben wirklich zu lernen. Dabei wurde mir bewusst, dass der größte Teil des Songschreibens ernsthafte, anstrengende Arbeit ist. Und dann auch noch Arbeit, deren Entlohnung völlig unberechenbar ist.

Meine erste Session hatte ich mit Kreativ-Trainerin Cynthia Lindemann, was ich sehr hilfreich fand.

Unter anderen stieß ich auf Pat Pattison, einen Veteranen des Songschreibens, und belegte einen Kurs bei ihm. Danach ein Kurs bei Adam Mitchell.

Bis Juli 2016 war meine Strategie, wenn mir beim Texten nichts einfiel, aufzustehen und etwas anderes zu tun.

Bis ich einen Vortrag von Beth Nielsen fand, die immerhin ein paar internationale Hits verfasst hat. Einer ihrer Tips war, wenn keine Ideen auftauchen, mit der kreativen Session weiter zu machen. Sie sagt, wenn Du scheinbar nichts tust, aber dranbleibst, hebst Du einen Haufen kreativer Gewichte.

Erfahrungen aus der Vergangenheit

Im Jahre 2007 begann ich auf Anregung meines alten Kumpels Henning Matthaei vom Partnerwerk zu bloggen.

Meine ersten Blogs wurden überhaupt nicht gelesen.

Im Jahre 2012 wurde mir klar, dass es an meiner Schreibe und an meiner Strategie lag, dass ich nicht gelesen wurde.

Mein geschätzter Kollege Michael R. Grunenberg erklärte mir, dass ich viel Müll schreibe. Er kann einem so freundlich und verbindlich wie niemand anders klarmachen, dass man Müll fabriziert.

So suchte ich nach jemandem, der mich unterweisen sollte, wie ich besser schreibe und meine Inhalte besser promote.

Unweigerlich stieß ich auf Blogging-Großmeister Jon Morrow. Durch seine Materialien lernte ich, besser zu schreiben.
Es hat aber lange gedauert.

Steter Tropfen höhlt – erst das Gehirn, aber irgendwann auch den Fels des Widerstands

Ich weiß noch, wie ich vor leeren Seiten saß und mit aller Kraft an meinen Fingern saugte, mit der einzigen Wirkung, dass meine Finger sehr blass wurden und die Seite weiß blieb.

Mein geschätzter Kollege Holger Schmidt (leider verstorben) zeigte mir eine Technik, Gerüste für Texte vorzubereiten und ich benutzte Mind Maps. Hierüber ein ausführlicher Artikel an anderer Stelle.

Am schwierigsten fand ich es, lange Artikel zu schreiben. Das wurde mit den Jahren immer besser.

Heute (Stand: August 2016) hämmere ich 1.000 Wörter oft einfach runter ohne größere Anstrengung. Manchmal finde ich es schwierig, mich auf unter 1.500 Wörter zu disziplinieren.

Und manchmal reichen weniger Wörter, um die gewünschte Aussage zu treffen, wie z.B. in diesem Artikel.

Und was soll das jetzt alles?

Ziel dieses Artikels ist, Sie zu ermutigen, weiter zu machen, auch wenn sich nichts zu bewegen scheint.

Oft passiert im Hintergrund sehr viel.

Und wir lernen mehr, wenn nichts funktioniert.

Dann funktionieren manche Dinge für eine Weile besser als vorher.

Und dann wieder nicht.

In diesem Sinne:

Viel Erfolg!

Bild: mediendesign Schütz

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3 Kommentare

  1. Lieber Alexander,
    Ein toller Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Zwar schreibe ich keine Songtexte, aber das Ringen mit leeren Seiten und dem krativen Gewichte heben kenne ich zu gut, von meinen Schreiberfahrungen von Kurzgeschichten und Co. Ich möchte Dich gerne Einladen, mit diesem Text als Gastautor an meinen Blog teilzunehmen. Weiteres können wir gerne per Mail klären. Liebe Grüße Pink Mind

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