Im Rechnungswesen mit LINUX arbeiten

Macht es Sinn, im Rechnungswesen mit Linux zu arbeiten?

Solange der Anwender nur einen privaten Desktop braucht, Briefe schreiben will (auch Serienbriefe in kleinen Mengen), Emails austauschen, oder ein einfaches Kassenbuch führen will, ist Linux längst gleichauf mit Windows, unter manchen Aspekten sogar besser.

Aber wie steht es mit Anwendungen für das Rechnungswesen aus?

Außerhalb von Windows gibt es da leider nicht viel.

Was Apple/MacOS angeht, so habe ich nur ein einziges Unternehmen erlebt, das sein Rechnungswesen und Controlling seinerzeit komplett auf iMac betrieben hat. Das funktionierte sehr gut, was vor allem dem höchst kompetenten Leiter des Rechnungswesens zu danken war.

Ich vergleiche hier nur Windows und Linux. Ich hatte zeitweilig (2010) einen iMac und konnte dem nichts Positives abgewinnen, trotz Unterstützung durch einen Mac-Profi. Es gab zu vieles, was nicht funktionierte, abgesehen vom notorisch unberechenbaren DVD-Laufwerk, das manchmal die Disk nicht auswirft.

Im Folgenden gehe ich im Detail auf folgende Punkte ein:

  • Warum will überhaupt jemand zu Linux wechseln?
  • Welche Anforderungen gibt es im Rechnungswesen?
  • Wie gut erfüllen die beiden Betriebssysteme die Anforderungen?

Vergleich von Windows und Linux

Warum würde überhaupt jemand auf Linux umsteigen wollen?

Kosten

Ein sehr theoretisches Argument ist die Kostenersparnis, da die meisten Linux-Distributionen gratis nutzbar sind. Wenn Sie aber berücksichtigen, wie viel Zeit es Ihre Mitarbeiter kostet, im neuen System flüssig zu arbeiten, wird die Sache sogar teurer. Schulungen, Fachbücher, bezahlte Arbeitsstunden, damit wäre ein Windows 20mal bezahlt.

Wenn Sie professionellen Support wünschen, so sind die Enterprise-Lösungen für Linux etwa auf dem gleichen Preisniveau wie Windows (Stand: Januar 2015).

Zudem, was erwarten Sie von Software, die rundum gratis ist? Reibungslose Funktionalität? Ästhetische Benutzeroberflächen? Nein? Ich auch nicht.

Geschwindigkeit und Stabilität

Lange Zeit wurde geworben, Linux läuft stabiler und schneller. Seit WinXP, spätestens seit Win7, gilt diese Argumentation nicht mehr. Die neueren Windows-Versionen stürzen kaum noch ab, und Linux ist auch nicht frei von Hängern und Abstürzen. Mit Ubuntu hatte ich sogar mehr Probleme, Anwendungen zum Laufen zu bringen als ich in den letzten 5 Jahren mit Windows hatte (Test im Juli 2014).

Was die Geschwindigkeit angeht, so sagt auch Linux-Koryphäe Michael Kofler, dass Linux nicht unbedingt schneller ist als Windows. Nachdem ich mich eine Weile in diversen Foren umgesehen habe, scheint mir, es hängt von sehr vielen Faktoren ab, wann und wie störungsfrei und wie schnell eine Distribution auf dem einen oder anderen Rechner läuft.

Linux Mint war bei mir deutlich langsamer als Windows 7, geradezu unerträglich lahm. Ubuntu mit Unity war etwa gleich langsam wie Win7, Knoppix brauchte, entgegen aller Behauptungen, eine Ewigkeit zum Starten, Lubuntu und Xubuntu waren augenblicklich am Start.

Ökologie: Monokulturen und Schädlinge

Ein sinnvolles Argument, das sich direkt aus der Ökologie ableitet, ist, dass Monokulturen sehr stark zu Schädlingsbefall neigen. Die meisten Viren greifen nur Windows an. Wäre ab und zu, und in größerer Dichte, Linux und Mac OS dazwischen, wäre es für die Viren schwerer, sich zu vermehren.

Sicherheit

Ein ernsthaftes Argument ist Sicherheit. Für die NSA und verwandte Behörden, aber auch für Wirtschafts-Spione, ist es leichter, in Windows-Systeme einzubrechen als in eine Vielzahl von Linux-Distributionen mit unterschiedlichsten Verschlüsselungen.

Reibungslose Integration?

Seit Windows XP habe ich mit Windows keinerlei Probleme, Software oder Hardware zu integrieren. So ziemlich alles ist Plug & Play. Drucker, insbesondere EPSON, erfordern noch einige Installationen von Treibern und Zusatzprogrammen, aber alles Andere wird angestöpselt und rennt los.

Bei meinem ersten Test von Ubuntu in 2005 arbeitete ein Linux-Profi mehrere Tage daran, meinen Canon-Drucker, ein sehr verbreitetes Modell, nichts Exotisches, zum Laufen zu bringen. Ging einfach nicht.

In 2014 war Linux sogar schneller als Windows dabei, auf meinem HP 8600 hervorragende Ausdrucke zu vollbringen, sogar bei nicht installierten Live-Test-Versionen von Ubuntu und Mint.

Die Installation zusätzlicher Software ist in Linux teilweise umständlich, da es keine .exe gibt, sondern eine Paketverwaltung. Je nach Programm ist diese mehr oder weniger einfach zu handhaben.

Buchhaltungsprogramm

Für das Rechnungswesen brauche ich natürlich ein Buchhaltungsprogramm, das für mein Unternehmen ausreichend leistungsfähig ist.

Hier ist leider der erste Engpass. Es gibt für kleine Unternehmen eine sehr brauchbare Lösung namens HaBu, die sowohl auf Linux läuft wie auch auf Windows und Mac OS. HaBu erfordert sehr umfangreiche Voreinstellungen durch den Nutzer. Ich würde das Programm bei Kleinunternehmen bis 3 Mitarbeiter einsetzen.

Manche Programme werden im Internet als Buchhaltungssoftware bezeichnet, können aber oft keine Bilanzierung und keine Steueranmeldungen erstellen.

Einige größere und teurere Programme laufen im Browser und sind damit unabhängig vom Betriebssystem. Diese sind aber nur für Großunternehmen bezahlbar. SAP läuft sowieso längst auf Linux.

Für mittelgroße Unternehmen scheint es da nicht viel zu geben. Lexware würde sich anbieten, aber eine Anfrage meinerseits in 2013 wurde damit beantwortet, dass die Windows-Version bereits genug Aufwand in der Systempflege verursacht.

Die Entwickler der Software „Textbuch“ behaupten, auch für mittelgroße Unternehmen eine Lösung inclusive Kostenrechnung zu bieten. Bei einem Test in 2012 habe ich mich rettungslos im Programm verlaufen und fand weder die Maske benutzerfreundlich noch die Hilfen besonders hilfreich. Das kann aber am Nutzer gelegen haben, vielleicht ist das Programm richtig gut, angeblich ist es nach GoBS testiert.

Eine Alternative am Horizont könnte das ERP-System „odoo“ sein. Es scheint eine ausreichend leistungsfähige Buchhaltung mit Kostenrechnung zumindest für mittelgroße Unternehmen stemmen zu können.

Die Software selbst ist gratis, erfordert aber umfangreiche Einarbeitung, wie jedes ERP-System. Außerdem muss die Buchhaltung natürlich der nationalen Gesetzgebung angepasst werden, odoo ist ein internationales Projekt.

Lohnabrechnung

Der größte Engpass beim Rechnungswesen in Linux ist derzeit (Stand: Februar 2015) die Lohnabrechnung.

Eine Lösung, von der ich zunächst einen guten Eindruck hatte, ist jlohn. Jlohn läuft auf Windows und Linux. Einen ausführlichen Test hatte ich im Januar 2015 begonnen – wobei nach meiner Meinung falsche Beiträge zur Sozialversicherung berechnet wurden – konnte ihn dann aber aus Zeitgründen nicht zu ende bringen.

Weitere ernstzunehmende Lohnabrechnungssoftware für Linux habe ich nicht gefunden.

Tabellenkalkulation

Zum Berechnen mancher Buchungsbeträge und zum Erstellen interner Belege brauche ich eine Tabellenkalkulation. Solange ich nur einfache Berechnungen mit wenigen Zeilen durchführen will, ist Calc (Open Office / Libre Office) oder Gnumeric völlig ausreichend, alles Gratis-Software aus der Linux-Welt.

Will ich allerdings Controlling-Aufgaben mit der Tabellenkalkulation ausführen, so sind alle Programme außer MS Excel indiskutabel sperrig bis unfähig.

Zum Thema Controlling mit Linux habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Fazit

  • Das Rechnungswesen in Linux scheitert meistens an der mangelnden Buchhaltungs-Software. Die vorhandenen Lösungen passen nicht für alle Unternehmen.
  • Eine Systemumstellung wird zunächst Probleme mit sich bringen, wegen Widerstands seitens der Mitarbeiter und wegen der erforderlichen Einarbeitung.

 

VIEL ERFOLG!

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7 Kommentare

  1. Danke.

    Ich glaube die Wenigsten wissen die erforderliche Fachkenntnis und die benötigte Zeit zu schätzen die eine derart fundierte und dennoch kurz gehaltene Einschätzung erfordern.

  2. Vielen Dank und hier unser Verstärkungs-Beitrag:

    Dieser Beitrag bestätigt und zeigt die geballte Ohnmacht, die ein kleines/mittelständiges Unternehmen in der bevormundenden, neurotischen Windows-Welt erleidet und hilfesuchend seit 15 Jahren in der ach so freien Linux-Welt schmerzhaft erlebt und verfolgt, dass Linux auch keine nennenswerte Alternative bzw. Lösung bietet.

    Als ehemaliger Rechnungswesen-Prüfer verstehe ich eine Menge vom Thema und trotzdem sind wir aufgrund dieser Mangelerscheinung im professionellen Linux-Business-Bereich (Fibu, Fakturierung/WW, ERP) gezwungen, mit den inzwischen immer mehr verhassten Windows-Betriebssystemen (bei uns ist mit XP, derzeit noch im Einsatz endgültig das Win.-Ende erreicht) und dilettantisch-programmierten (fehlerhaften), kaufm. Applikationen (wie Lexware FOP) zu leben! Unsere Behauptungen sind bis ins Detail dokumentiert, archiviert und damit notfalls beweisbar.

    Viele Recherchen über kaufm. Software bis hin zu ERP-Systemen, Gespräche und Test-Installationen, die selbst vor einer Beteiligung an einer Neu-Linux-Programmierung im Fibu-Bereich nicht halt machten, erbrachten uns immer nur Schiffbruch. Das ist das augenblickliche, traurige Fazit all unserer engagierten Bemühungen.

    ES MACHT FÜR EIN UNTERNEHMEN BZW. GEWERBETRIEB KEINEN SINN AUF LINUX ZU WECHSELN, WENN IM KAUFMÄNNISCHEN BEREICH ESSENTIELLE APPLIKATIONEN NICHT EXISTIEREN ODER SCHLICHTWEG MIT NULL-KAUFPREIS ABER VERSTECKTEN IMPLEMENTIERUNGS- ODER SUPPORT-ZWANG GÄNGELN (HÄUFIG BEI ERP), DIE LETZTLICH AUCH KEINE WINDOWS-VERBESSERUNG BEWIRKEN. DANN KOMMT DER GEWERBLICHE KUNDE VOM REGEN IN DIE TRAUFE.

    Mit dieser Grundsatz-Erkenntnis, die wir seit vielen Jahren weitertragen, tut sich die Linux-Welt keinen Gefallen. Wegen der länderspezifischen Programmpflege von Fibu´s kann nur eine kommerzielle Lösung infrage kommen; aber selbst für Geld ist kein ordentliches ´Produkt derzeit zu bekommen.

    Taxpool hatte mal vor, ihre Fibu für Linux anzubieten, aber seit nunmehr 2 Jahren ist davon auch keine Rede mehr. Sage und Lexware winkten bei unseren Vorstößen vor ca. 4 Jahren arrogant ab.

    Aber keiner der deutschen Entscheider in Software-Unternehmen kann sich nach unserer Einschätzung nur annähernd vorstellen, welchen Erfolg eine solche kompetente Business-Software hätte, weil alle nur auf den geringen Marktanteil von Linux-Distributionen schauen. Keiner sieht das schlummernde Potential Microsoft und deren Verbündeten die Stirn zu bieten. Erst muss ein Trump aufstehen und „Amerika First“ parolieren, bis wir dummen Europäer aufwachen und uns hoffentlich jetzt bewusst werden, dass wir im IT-Bereich eigene Kompetenzen entwickeln müssen, die dann der NSA nicht zur Verfügung stehen. Aber das allein wäre ein separates Thema (Betriebssystem).

    Wir können die Tatsachen und tiefen (Er-)Kenntnisse hier nur kurz anreißen, aber nicht erschöpfend und für Jedermann verständlich bis ins Detail darlegen. Insofern soll unser Beitrag nur auf ein DILEMMA aufmerksam machen und vielleicht etwas bewegen?

    NOCH EINEN KONKRETEN AUFRUF:
    Warum findet sich keine Linux-Entwicklerfirma, die eine noch bezahlbare Finanzbuchhaltung mit einem ähnlichen Funktionsumfang wie Lexware und Kaufpreise zwischen 500,00 bis ca. max. 2.000,00 EUR entwickelt und jährlich gegen akzeptable 200,00 EUR updatet? Wesentliche Bestandteile müssten u. E. sein:

    • SQL-DB (vorzugsweise Postgres)
    • SKR04 und 03
    • durchgängige Stapel- und Dialog-Erfassung
    • Splittbuchungen
    • Excel- und ASCII-Import und -Export
    • Einnahme-Überschuss-Rechnung und Bilanzierung
    • abweichendes Wirtschaftsjahr
    • GDPdU-Prüfer-Export
    • E-Bilanz
    • Elster-Schnittstelle
    • API´s oder autom. funktionierende Schnittstellen für gute ERP- und/oder Warenwirtschaftssysteme

    Lexware FOP hat seit vielen Jahren im Internet dokumentiert und heute noch eklatante Abstürze und Funktionsprobleme. Das in Linux besser gemacht würde ein Selbstläufer-Erfolg!

    • Hallo Norbert, vielen Dank für den ausführlichen und sachkompetenten Kommentar! In der Tat, Linux kommerziell zu nutzen ist derzeit (Februar 2017) mühselig. Mit Genuss habe ich auch den geistreichen Kommentar von Horst Lüning zum Thema verfolgt: https://www.youtube.com/watch?v=yEJRH_t-A-A In den USA scheint man mit Red Hat Linux etwas weiter zu sein. Als ich vor ein paar Monaten nachschaute, war der professionelle Support für Red Hat allerdings auf dem selben Preisniveau wie Windows-Support. Rechnet man die Einarbeitung der Mitarbeiter hinzu, kommt’s am Ende teurer. Ich hatte selbst mal bei Lexware angefragt, ob sie ihre recht gute Software auch für Linux zur Verfügung stellen wollten; die Antwort fand ich zwar nicht arrogant, aber es war eine klare Absage. Ich habe mich dann für LinHaBu entschieden, von der MC Richter GbR, für die Buchhaltung (kostete in 2015 einmalig 120 EUR), und jlohn von Klaus Gotthardt für die Lohnabrechnung. Für ein sehr kleines Unternehmen wie unseres mit maximal 5 Mitarbeitern sind das gute Lösungen. Dem etwas größeren Betrieb bleiben unter Linux dann nur Browser-gestützte Anwendungen; es wundert mich, dass da nicht mehr angeschoben wird. Eine Browser-Lösung würde auch die Unterschiede zwischen den Distros umgehen. Vor ein paar Wochen lief z.B. der VLC Media Player in Mint ohne Probleme, aber im neuen Ubuntu 64-bit so gut wie gar nicht. Den Umgangs-Tonfall in den Linux-Foren finde ich auch sehr Kindergarten-artig, herablassend und nicht sehr lösungsorientiert. Da gäbe es viel zu tun. Wer will investieren?

    • Ich habe mir schon vor einer Weile sowas überlegt.
      Nur bin ich eben Entwickler und kein Finanzexperte. Und ich bin nur einer.
      Die jährliche Steuerabrechnung bekomm ich mit Ach und Krach hin.
      Das wars aber auch schon.

      Ich nutze Tabellen um alles zusammenzurechnen.
      Bin seit kurzem auf gnucash gestoßen – dieses bietet aber nur doppelte Buchführung.

      Ich hätte gern etwas einfaches das am besten meine Emails scant und den Betrag ermittelt. Es soll Rechnungen erstellen und verschicken können und auch per Onlinebanking automatisch ermitteln können ob die Rechnung gezahlt wurde. Und ebenso automatisch soll es Zahlungserinnerungen und, nach manueller Prüfung, Mahnungen verschicken können, bis zum Inkasso.

      Das Problem ist aber dann die Abrechnung via ELSTER. Keine Ahnung ob es da Dokumentation gibt.

  3. Kann leider nur zustimmen. Was in der Diskussion fehlt ist der arme Steuerberater, der sich mit Lexwareexporten -> DATEV herumärgern muss.
    Kontenzuordnungen, Kontenbeschriftungen, und OPOS nach internen Nummern ( DATEV versucht das aus dem Beleg zuzuordnen) sind nur ein Punkt für Graue Haare beim Steuerberater und Angst vor der Rechnung beim Mandanten. DATEV beim Mandanten „geht nur mit Buchhalterausbildung und DATEV-schulungen.“ …. sagt er . Ich hab´s probiert. Stimmt. Und mein Rechner war nach dem DATEV-Experiment nicht wiederzuerkennen.
    Vielleicht sollte unser „Vater“ Staat sich um die kleineren seiner Kinder besser kümmern, nicht nur um die Großen, wenn es um Anforderungen in der Betriebsführung geht, dafür sorgen dass auch die „kleinen“ mit seinen Anforderungen zurecht kommen können, ohne BWL-Studium.
    Schließlich verdienen wir unser Geld ja nicht beim Gesetzbefolgen sondern beim Kundenwunscherfüllen.

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  1. Linux als Alternative zu Windows

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