Die bittere Wahrheit über das Unterbewusstsein als kreativen Partner

Ich dachte mir, da sowieso niemand liest, was ich schreibe, kann ich schreiben, was ich will. Also mache ich die Kategorie „Philosophisches“ (griechisch für: wichtigtuerisches Rumspinnen) auf und hämmere einfach rein, was mir in den Sinn kommt.

Es ist der 3. März 2017, der sich dem Ende zuneigt. So lange bin ich schon seit Monaten nicht mehr aufgeblieben. Müde, aber produktiv.

Gerade ein Skript für einen Kurs hochgeladen. Eine weitere Auseinandersetzung des wohlhabenden Mitteleuropäers mit dem inneren Kindergarten. Vor allem meinen eigenen.

Ich möchte mitfühlend und konstruktiv sein und sehe mich als verspannten, kindisch-beleidigten Rechthaber. Deutlich weniger als vor 20 Jahren, aber andernfalls wäre auch echt traurig.

Erste Werbungsversuche, indifferentes Abblitzen

Als ich aus meinem Asperger so weit raus war, dass ich mich aktiv daran machen konnte, um die holde Gunst der Damen zu werben, war ich derart ungelenk, dass manche Frauen ÜBERHAUPT NICHT auf meine Ansprache reagierten.

Weder verspannt noch ängstlich noch aggressiv, nicht abwehrend oder defensiv, nicht herablassend oder verurteilend. Ganz schlicht überhaupt nicht. Ich war belanglos, wie eine Minimalverfärbung auf einer Tapete, die man nur mit einem Spektroskop sieht.

So ähnlich verliefen meine ersten Anläufe, mein Unbewusstes zu nutzen.

Bei David Ogilvy las ich, ich solle mein Unterbewusstsein als kreativen Partner nutzen, dachte ich, tolle Idee, höre ich mal, was mein Unterbewusstsein sagt.

Blöd war nur: Es sagte erstmal nichts. Gar nichts.

(Mit der holden Gunst der Damen ging es dann sehr viel schneller als mit der kreativen Nutzung meines Unterbewussten.)

20 Seiten Wortmüll

Auf Anraten eines Coaches sammelte ich 3 Wochen lang jeden Tag die Gedanken, die mein Unterbewusstsein so hergab, zu einer bestimmten Lebensfrage.

Also setzte ich mich mit meiner üblichen Disziplin jeden Tag hin, stellte aktiv und gerichtet meine Frage und lauschte. Immerhin kamen jetzt Antworten. Keine nützlichen, aber mehr als nichts.

Jeden Tag kamen viele Flüche, Obszönitäten, plus unsinniges, zusammenhangloses Zeugs. Hauptsächlich aggressiv und relativ dumpf.

Mehrere Jahre lang ging ich die Seiten immer mal wieder durch, um eine tiefere Botschaft darin zu entdecken. Ich fand keine.

Mit einem anderen Coach ging ich die Seiten durch. Er fand auch nichts Nützliches darin, keinen einzigen Ansatz. Auf sein Anraten warf ich die Seiten schließlich ins Altpapier, um sie materiell und ideell hinter mir zu lassen.

Ray Bradbury meinte es gut

Als jemand, der gerne schreibt, kam man ja in den 1990ern nicht vorbei an Ray Bradbury’s „Zen in der Kunst des Schreibens“.

Einer seiner Kernsätze darin ist: „NICHT DENKEN!“ Diesen hatte er nach eigener Aussage auf seinem Schreibtisch stehen.

Die Idee dahinter: Der kreative Fluss soll unabhängig von den Behinderungen des Verstandes in Gang kommen und Ideen heranspülen.

Nette Theorie.

Bei mir floss aber gar nichts. Bestenfalls fühlte ich Stagnation und Frustration.

Der Mythos vom Unbewussten

Wie ich auf einem anderen Blog ausführlicher beschrieben habe, „DAS Unterbewusstsein“ gibt es gar nicht. Es gibt eine Reihe von Funktionen des Gehirns und des restlichen Körpers, die ohne das Bewusstsein ablaufen.

Manche davon nehmen wir wahr (Atmung), manche nicht ohne Weiteres (Darm-Peristaltik, Blutstrom). Manche können wir direkt oder indirekt bewusst beeinflussen, manche nicht.

All diese Prozesse beeinflussen sich teilweise mehr, teilweise weniger gegenseitig und hängen mehr oder weniger voneinander ab.

Unser Verständnis allein des Gehirns ist so krude und unterentwickelt wie etwa der Glaube der frühen Menschen, dass Blitze von Gott Buga-Buga durch die Luft geschleudert werden, im Vergleich zum modernen Verstehen, Berechnen und Anwenden von Elektrizität.

Was unser eigenes Verstehen, Begreifen und Handeln angeht, da gibt es noch reichlich zu verstehen und zu begreifen.

Das Erste Mal und es hat gar nicht wehgetan

Als ich heute abend in der S-Bahn von einem Außentermin nach hause tuckerte, in dem Wissen, dass noch einige Arbeit vor mir liegt, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass ein brauchbarer Teil eines Songtextes sich seinen Weg direkt aus meinem Unterbewusstsein in mein Bewusstsein bahnte, ein erster Entwurf von einem Text, irgendwo zwischen Warren Zevon und Neil Peart, sicherlich nicht auf dem gleichen Qualitätsniveau, aber mit der gleichen Mischung aus Poet und Klugscheißer.

Ich schrieb eine ganze Seite im Notizblock voll. Es hatte Rhythmus, es hatte Swing, und jemand wie Douglas Adams würde darin wohl auch Bedeutung finden.

Das nach etwa 17 Jahren netto Songschreiben (1983 bis 1995, dann lange nix, dann wieder ab 2012).

Bis dahin kam die Musik oft von selbst, aber meine Texte waren eher konstruiert und zurecht gehämmert.

Das informierte Unbewusste

Ich glaube, was David Ogilvy einst meinte, und was ihm vielleicht zu selbstverständlich war, ist, dass nur das informierte Unbewusste brauchbare Ideen hervorbringt.

Beziehungsweise, genauer gesagt, manche Funktionen des Gehirns, und, nach Ansicht mancher Experten, des Darmbereiches (enthält mehr Denkzellen als das Gehirn), können nur dann nützliche Anregungen liefern, wenn sie vorher informiert wurden, wenn sie mit dem zugehörigen Thema in irgendeiner Form beschäftigt wurden.

In manchen Fällen sind die Informationen möglicherweise vererbt oder gelangen auf bisher unerforschte Weise in das System eines Menschen. Oder manche Menschen sind einfach in der Lage, bestimmte Informationen schneller zu verarbeiten, abhängig von ihrer Talentstruktur.

Freie Bahn für den Geist

Verwendbare Informationen müssen in das System hinein, und die Bahn muss frei sein, dass auch verwendbare Informationen wieder hinaus können.

Für mich persönlich bedeutet das: Sehr viel Üben. Bis mein Unterbewusstsein zu einem Thema etwas Nützliches hergibt, und damit meine ich, nützlich für andere, weil sonst belanglos, muss ich mich damit sehr lange beschäftigen.

Viele Leute haben versucht, Regeln zu definieren für diesen Fluss zwischen dem einzelnen Menschen und der Welt. Bisher habe ich keine gefunden, die mir zutreffend erscheint.

Es sind nicht nur die „intelligentesten“ (auch nicht voll ausdefiniert, was heißt „intelligent“?) Menschen, und weder die emotionalsten noch die rationalsten Menschen, die etwas Nützliches für die Menschheit hervorbringen. Es gibt viel verschiedene Arten und Mischformen von Charakteren, die zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich produktive Dinge tun.

FAZIT

Auch wenn es „Das Unterbewusstsein“ in dem Sinne nicht gibt, sondern nur eine Reihe von Funktionen, ich kann diese Funktionen produktiv nutzen.

Wenn ich kann.

Genauer habe ich’s leider nicht.

Für heute: Gute Nacht.

VIEL ERFOLG!

Bild: geralt

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