Angst vor dem eigenen Erfolg

Manchmal haben wir vor dem Erfolg mehr Angst als vor dem Misserfolg, aus verschiedenen Gründen.

Oft fürchten wir den Misserfolg. Wir fürchten zu scheitern, ausgelacht zu werden, dumm dazustehen.

Aber dann beginnen wir, und so lange wir nicht am Entschärfen einer Bombe scheitern, an der Besteigung des Mount Everest oder an einer Aktion im Krieg, stellen wir fest, dass das alltägliche Scheitern ganz normal ist und dass wir es gut überleben. Und wenn es mal nicht so angenehm ist, dann wird die unangenehme Erfahrung wieder ausgeglichen durch unsere Erfolge.

Was aber ist mit unserer Angst vor Erfolg, die uns dazu bewegt, uns auch dort scheitern zu lassen, wo es nicht sein müsste?

Als ich 1992 meinen Zivildienst ableistete – als Atheist in einer kirchlichen Einrichtung – begegnete mir immer wieder ein Mensch, der eine Arbeitsstelle suchte.

Es war die Zeit, da man tatsächlich nicht viel mehr brauchte als etwas Motivation und ein bisschen Durchhaltevermögen, um eine Arbeitsstelle zu finden. Damals stimmte der Satz: „Wer Arbeit will, findet auch welche.“ Heutzutage ist das ja Quatsch. Damals hatte auch jener Herr um Mitte 50 gute Chancen auf einen Arbeitsplatz.

Nach zwei gescheiterten Versuchen hatte er nun endlich einen Arbeitsvertrag in der Tasche, nämlich als Koch in jener kirchlichen Einrichtung. Am Sonntag sollte es losgehen. So saß er am Freitagabend mit Kumpels beieinander in der Bar und alle freuten sich.

Am Samstag erhielt ich einen Anruf aus seinem Zimmer. Er sagte, er fühlte Symptome, die einem nahenden Herzinfarkt ähnlich seien. Ich rief den Notarzt, der am Telefon noch Späßchen machte und meinte, das würde so schlimm nicht sein. (Wie er diese Ferndiagnose zustande brachte, weiß ich nicht.)

Als ich nach einer halben Stunde nach oben ging, um nachzufragen, wie die Dinge stehen, war einer der Sanitäter recht bleich und nervös, hatte aber bereits Verstärkung angefordert. 20 Minuten später wurde unser angehender Koch, bereits bewusstlos unter einer Atemmaske, auf einer Trage die Treppe hinunter gebracht. Ein Sanitäter sagte im Vorbeigehen zu mir: „Eine halbe Stunde später, und das wäre es gewesen.“

Er wurde ins Krankenhaus befördert und kam nach ein paar Tagen wieder zurück. Er war wieder auf den Beinen, aber nicht fit genug, um in der Küche zu arbeiten.

Nun kann man in Situationen viel hineininterpretieren. Ich fand es zumindest auffallend, dass der Kollege genau am Tag vor Arbeitsbeginn so schlimm krank wurde. Bei den zwei Arbeitsstellen davor waren weniger dramatische Umstände so dazwischen gekommen, dass er auch dort die Arbeit nicht antreten konnte.

Vielleicht hatte er Angst davor, die Arbeitsstelle zu bekommen, für die er sich monatelang so sehr eingesetzt hatte.

Aus welchen Gründen können wir den Erfolg mehr fürchten als den Misserfolg?

Neues Umfeld

Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir vielleicht an einen neuen Ort, neue Menschen treffen, die wir noch nicht kennen, auf die wir uns einstellen müssen. Vielleicht sind nicht alle davon nett. An einer neuen Arbeitsstelle haben viele von den anderen mehr Macht als wir, weil sie schon länger dort sind und mehr über das Unternehmen wissen, und vielleicht gebrauchen sie ihre Macht nicht alle nur in freundlicher Weise.

Neue Aufgaben

Wir erhalten neue Aufgaben. Nicht alle davon können wir gleichermaßen perfekt. Das kann unbequem und anstrengend sein. Wir sind gut beraten, uns solide vorzubereiten. Das bedeutet, weniger Videospiele oder weniger Liebesromane, in meinem Fall, weniger DVD glotzen (ein kaum erträgliches Opfer).

Neue Probleme

Die bisherigen Probleme kennen wir: Kein Geld, Gängelung durch Behörden usw. Mit der neuen Arbeit aber kommen neue Probleme, die wir teilweise meinen, absehen zu können, teilweise nicht. Auch das kann unbequem und anstrengend sein. Ich selbst hasse an neuen Problemen besonders, dass ich mein Ego nicht so stark aufblasen kann, wenn ich Probleme nicht so gut löse.

Höhere bzw. andere Arten von Belastung

Eine Mutter, die jahrelang eine Horde gröhlender Knirpse versorgt hat, kann die Belastungen einer Arbeit im Rechnungswesen locker wegstecken; sie muss sich allenfalls daran gewöhnen, dass die Belastungen hier von anderer Art sind. Wer mehrere Jahre zuhause gesessen hat und hauptsächlich die kulturellen Segnungen des Privatfernsehens genossen hat, ist nicht so gut auf die neuen Anforderungen vorbereitet.

Mehr Verantwortung

Auf einer neuen Arbeit haben wir vielleicht mehr Verantwortung als vorher. Die Arbeit anderer baut vielleicht auf unseren Ergebnissen auf – diese müssen deshalb korrekt sein. Ein Mehr an Verantwortung kann ein Mehr an Angst bedeuten.

Andere Erwartungen

In einem neuen Umfeld kann es sein, dass von mir ein anderes Verhalten erwartet wird, oder dass ich andere Schwerpunkte in meinem Denken und Handeln setze als bisher. Auch daran muss ich mich erst gewöhnen.

Manchmal genügt es, sich die Ängste bewusst zu machen und spezifische Pläne zu entwickeln.

So kann ich für wenig Geld ein Kommunikations-Seminar besuchen, da gibt es für wenig Geld ebenso viele gute und schlechte Angebote wie für viel Geld.

Ich kann mich mit Freunden zusammensetzen und Strategien für verschiedene Szenarien durchspielen – wie verhalte ich mich in diesem oder jedem Fall? Optimalerweise sind dies Freunde, die bereits real in vergleichbaren Situationen waren.

Manchmal braucht es eine Therapie, um Ängste zu bewältigen.

Die Idee für diesen Artikel kam mir aus einem Podcast von Osvaldo Pena, genannt „Ozzie“, der als Coach in London arbeitet. Er beschäftigt sich mit Themen, die recht weit von Rechnungswesen entfernt sind, die man aber auf viele Lebensbereiche übertragen kann. Ich habe Ozzie im Dezember 2010 in London erlebt und ein Wochenend-Training bei ihm genommen. Es war eine der erstaunlichsten Lernerfahrungen meines Lebens. Der Mann labert nicht, sondern handelt.

 

Bild: geralt

 

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